traumpfad 2015

Zu Fuß über die Alpen, von München nach Venedig. 555km und fast 22.000hm in 28 Tagen. Es gibt wohl definitiv andere Arten, die Zeit zwischen Abitur und Studium zu überbrücken. Und wohl auch definitiv wenige, die so intensiv und landschaftlich schön sind, nicht umsonst nennt sich die von Ludwig Graßler im Jahr 1974 erstmals bewältigte und seitdem kaum veränderte Strecke „Traumpfad“.
Durch das Isartal, über das Karwendelgebirge, mit einem Abstecher in das Inntal, erreicht man über die Tuxer Alpen, die Zillertaler Alpen und das Pustertal schließlich die Dolomiten. In vier grandiosen Wochen gelangt man schlussendlich über die Venezianische Ebene bis nach Venedig.

Entgegen aller Wahrscheinlichkeit stellte sich heraus, dass nicht wenige meiner Freunde großes Interesse an diesem Projekt hatten. Am Ende waren dann noch zwei Mädels übrig, die gemeinsam mit mir diese Reise wagen wollten. Dorothee, die aus Zeitmangel leider nur 10 Tage dabei war, und Johanna, mit der ich die Zeit vom Marienplatz in München bis zum Markusplatz in Venedig, quasi ununterbrochen, verbrachte.
Nach einer 3-tägigen und einer 2-tägigen Probewanderung, bei der wir neben Gepäck und Ausrüstung auch testen wollten, wie wir beim Wandern eigentlich miteinander klar kommen (und keine Sorge, wir kamen wunderbar zurecht), machten wir die Sache fix.
Unser Starttermin sollte der 28.Juli sein, ein Dienstag.

Die Wochen davor las ich regelmäßig Erfahrungsberichte anderer Wanderer, blätterte des öfteren im Wanderführer und stellte gemeinsam mit den beiden Mädels einen Plan auf, wann wir an welchem Tag wo sein wollten und welche Wegstrecken wir beispielsweise umgehen sollten (z.B. den Klettersteig der Schiara). Bei unserer Planung hielten wir uns größtenteils an den Rother Wanderführer, der, neben dem, des Bruckmann Verlags, wohl der gängigste ist.
Für die Planung nicht unbedingt nötig, aber für erste Eindrücke auf jeden Fall lohnenswert, ist außerdem der Bildband Traumpfad München - Venedig.


Ausrüstung und Packliste


Als verantwortungsvoller Wanderer informiert man sich vor einer großen Tour wie dem Traumpfad natürlich, mit welcher Ausrüstung man am besten für jegliche Überraschungen gewappnet sein wird. Je mehr man jedoch recherchiert, desto verwirrter wird man – jedenfalls ging es mir so. 
Wie groß soll der Rucksack sein? Was für Schuhe brauche ich? Reichen mir zwei T-shirts oder soll ich doch lieber drei mitnehmen?
Meine Packliste entstand letztendlich aus einer Kombination von Listen und Tipps aus dem Internet sowie Bekannten und Freunden. Im Nachhinein kann ich aber sagen, dass ich sie kaum verändert hätte.

Rucksack

Als Rucksack wählte ich ein Damen-Modell von Osprey, den 'Ariel' mit einem Fassungsvermögen von 55 Litern. Durch seine extrem flache Rückseite liegt dieser sehr angenehm am Rücken an und verursacht keine Druckstellen. Ein zusätzliches Gadget dieses Modells ist der abnehmbare Rucksackdeckel, der sich mit ein paar Handgriffen in eine Bauchtasche verwandeln lässt.
Auf dem Traumpfad haben wir Rucksäcke von 35 bis 85 Litern gesehen, im Endeffekt erscheinen mir 55 Liter aber perfekt. Ohne stopfen zu müssen, konnte ich immer meine ganzen Sachen verstauen, hatte aber trotzdem noch genug Platz für Essen.

Teleskopwanderstöcke

Ein Hoch auf Wanderstöcke! Denn ganz ehrlich, ohne die hätte ich die 4 Wochen kaum überlebt. Während des Gehens bringen sie einen gleichmäßigen Rythmus und verhindern so extreme Temposchwankungen. Beim bergauf- und bergab-gehen bringen sie nicht nur Trittsicherheit, sondern entlasten die Beine und vor allem die Knie signifikant.
Eine Empfehlung meinerseits: Teleskopwanderstöcke mit einem Schnallenverschluss anstatt einem Drehverschluss klemmen nicht und ersparen einem eine Menge Ärger (bei meiner Probewanderung habe ich es tatsächlich geschafft, mir beim Versuch die Stöcke aufzudrehen, eine dicke Blase zu holen). Ein kleiner zusätzlicher Luxus, auf den aber auch gut verzichtet werden kann, sind Stöcke mit angenehm abgerundeten Knäufen.

Schuhe

Die Wahl Schuhe ist bei einer Wanderung wie dem Traumpfad elementar wichtig, schließlich sollen uns die Schuhe sage und schreibe 555km durch die Pampa tragen.
Umso wichtiger also, das richtige Schuhwerk zu wählen.
Ich persönlich empfehle auf jeden Fall, sich in einem Fachgeschäft beraten zu lassen und die Schuhe auf jeden Fall gut einzulaufen. Über persönliche Vorlieben lässt sich bekanntermaßen streiten. So haben wir von leichten Sport-Trekking-Schuhen bis zu festen Bergstiefeln eigentlich alles gesehen.


Packliste


Kleidung
1 lange Wanderhose
1 knielange Wanderhose
1 kurze Wanderhose
3 Funktions-t-shirts
1 langärmliges Funktions-shirt
1 dünne Windjacke
3 Paar Wandersocken
3 Unterhosen
2 Sport-BHs
1 Fleece
1 Regenjacke
1 Regenhose
1 Paar dünne Handschuhe
1 Buff
1 Leggins (für gemütliche Hüttenabende)
1 kurze Hose
1 T-shirt (für abends und nachts)
1 Paar normale Socken
1 BH
1 Paar Trekking-Sandalen

Waschbeutel
2 Mikrofaser-Handtücher
Zahnbürste
Zahnpasta
Rasierer
Sonnencreme
Hirschtalg
Seife (in einer kleinen Blechdose)
Waschmittel (z.B Rei, Burti, etc)
Voltaren
Pinzette
Zeckenkarte
Nagelschere
Nagelklipser

Sonstiges
2 Trinkflaschen mit jeweils 1 bis 1,5 Liter
Erste-Hilfe-Set (mit Pflastern etc. zur Wundversorgung im Notfall)
Blasenpflaster
Magnesium-Brause-Tabletten
Sonnenbrille
Wäscheleine
Wäscheklammern
Taschenlampe
Mehrfachstecker
Camcorder +Ladekabel
Handy + Ladekabel
Kindle + Ladekabel

Notizheft
Stift
Wanderführer

Geldbeutel
Kreditkarte + EC-Karte
Bargeld
Krankenversichertenkarte
Personalausweis
DAV-Ausweis


Was ich anders gemacht hätte

Als Brillenträgerin hätte ich im Nachhinein auf jeden Fall noch Kontaktlinsen mitgenommen. An Tagen, an denen es stark geregnet hat, habe ich sie doch sehr vermisst. 
Insgesamt hatte ich sehr viele Klamotten dabei, wahrscheinlich hätte ein T-shirt und eine Hose weniger auch gereicht. Allerdings hatten wir in diesem Jahr extrem Glück mit dem Wetter und nur sehr wenige Regentage, wodurch die Kleidung nach dem Waschen schnell trocknete; deshalb würde ich wohl die Anzahl beibehalten.
Eine Sache, die ich im Nachhinein auf jeden Fall mitnehmen würde, ist eine Trinkblase. Für einen kurzen Schluck Wasser zwischendurch ist ein Schlauch definitiv angenehmer, als jedes Mal nach der Flasche zu kramen. Nach ein paar Tagen hat man zwar bestimmte Techniken entwickelt um ohne den Rucksack abzusetzen an die Seitentaschen zu kommen, eine Trinkblase schafft für wenig Geld dennoch ein gewisse Erleichterung.

Was ich nicht missen wollte

Eine extrem gute Entscheidung war es, meinen E-Reader mit auf diese Reise zu nehmen. An vielen Tagen kommt man schon am frühen Nachmittag in den Unterkünften an (je nach Laufgeschwindigkeit) und nicht immer hat man Lust auf Gesellschaft. Mit Lesen lässt sich die Zeit bis zum Abend gut überbrücken.


Tag 0: Daheim

Ich liege im Bett und kann nicht einschlafen. Zweifel kommen auf. Warum zur Hölle habe ich mich nochmal entschieden 4 Wochen wandern zu gehen? Stattdessen könnte ich doch genauso gut – wie übrigens der Großteil meiner Freunde und Gleichaltrigen – meinen Urlaub entspannt an einem Strand verbringen. Auch eine Städtereise wäre toll. Aber was soll's, jetzt ist es zu spät sich umzuentscheiden. Der Rucksack ist gepackt, die ersten Unterkünfte sind gebucht. Vor fünf Tagen haben wir bei den ersten Pensionen und Gasthöfen angerufen. Obwohl im Wanderführer steht, man soll immer ca. 2-3 Tage vorher reservieren, hatten wir die größten Schwierigkeiten preiswerte Unterkünfte zu finden. Vor allem für die ersten paar Tage empfiehlt es sich daher, schon frühzeitig zu buchen. Mit viel Geduld gelang es uns schließlich, passende Übernachtungsmöglichkeiten zu finden.
Und trotz aller Sorgen ist die Vorfreude jetzt, einen Tag vor dem Start unserer abenteuerlichen Reise, riesen groß!

Die folgende Tabelle zeigt unseren Plan über die kompletten vier Wochen verteilt.


TagDatumVonBisÜbernachtung
1Di, 28.07MünchenWolfratshausenGasthof Humpelbräu
2Mi, 29.07WolfratshausenBad TölzAltes Zollhaus
3Do, 30.07Bad TölzTutzinger HütteTutzinger Hütte
4Fr, 31.07Tutzinger HütteVorderrissGasthof Post
5Sa, 01.08VorderrissHinterrissGasthof zur Post
6So, 02.08HinterrissKarwendelhausKarwendelhaus
7Mo, 03.08KarwendelhausHallerangerhausHallerangerhaus
8Di, 04.08HallerangerhausVoldertalhütteVoldertalhütte
9Mi, 05.08GlungezerhütteLizumer HütteLizumerhütte
10Do, 06.08Lizumer HütteTuxer JochTuxer Joch Haus
11Fr, 07.08Tuxer JochOlpererhütteOlpererhütte
12Sa, 08.08OlpererhütteSteinGasthof Stein
13So, 09.08SteinPfundersPichlerhof,
14Mo, 10.08PfundersKreuzwiesenalmKreuzwiesenalm
15Di, 11.08KreuzwiesenalmSchlüterhütteSchlüterhütte
16Mi, 12.08SchlüterhütteGrödner JochPuez Hütte
17Do, 13.08Grödner JochPiz BoeRifugio Boe
18Fr, 14.08Piz BoeViel-dal-PanViel-Dal-Pan
19
Sa, 15.08
Viel-dal-PanTissi HütteTissi Hütte
20
So, 16.08
Tissihütte
Passo Duran
San Sebastiano
21
Mo, 17.08
Passo Duran
Rif. Pian de Fontana
Rif. Pian de Fontana,
22
Di, 18.08
Rif. Pian de Fontana
Belluno
B&B Centro Storico
23
Mi, 19.08
Belluno
Col Visentin
Rif. Col Visentin
24
Do, 20.08
Col Visentin
Arfanta
Le Noci
25
Fr, 21.08
Arfanta
Colfosco
Air B&B - Wohnung
26
Sa, 22.08
Colfosco
Bocca Callalta
Albergo Callalta
27
So, 23.08
Bocca Callalta
Jesolo
Udinese da Aldo
28
Mo, 24.08
Jesolo
Venedig
Hotel Iris



Tag 1: München - Wolfratshausen


6.00 Uhr morgens, es geht los. Pünktlich stehen Johanna und Doro vor meiner Tür. Meine Eltern bringen uns in ca. 2,5 Stunden im Auto nach München – sicher die bequemste Art anzureisen.
Und dann stehen wir auf dem Marienplatz. Ich bin nervös, kann nicht wirklich glauben, dass es jetzt schon losgehen soll. Wochenlang habe ich mich auf diesen Moment gefreut. Dafür kommt er mir fast ein bisschen wenig feierlich vor. Noch schnell ein Foto gemacht und schon sind wir auf dem Weg Richtung Venedig. 

Johanna, Dorothee und ich (v.l.n.r.) kurz vor unserem Start


Mit unseren großen Rucksäcken bahnen wir uns einen Weg durch die Münchener Innenstadt und kommen durch das Isartor schließlich zum Deutschen Museum. Ein bisschen komisch beäugt werden wir schon, als wir mit unseren klobigen Wanderschuhen dessen Hof überqueren. Es ist unser erste Tag mit dem Rother Wanderführer (der übrigens noch unser bester Freund auf dieser Reise werden wird). Die Entfernungen auf der Karte können wir noch nicht richtig einschätzen und so dauert es scheinbar ewig bis wir den Tierpark Hellabrunn erreichen. Der Weg an der Isar entlang ist eigentlich ganz schön, es sind viele Radfahrer, Jogger und Spaziergänger unterwegs. Nach einiger Zeit sieht man jedoch nichts Neues mehr und wir konzentrieren uns mehr auf unsere Gespräche als auf den Weg.
Kurze Zeit später überholen wir einen älteren Herrn. Wir taufen ihn Opi. Er erzählt uns, dass er 73 Jahre alt ist und, wie auch wir, vorhat den kompletten Traumpfad zu laufen. Wir sind beeindruckt und skeptisch zugleich. Wenn schon wir, mit unseren 18 Jahren Sorge haben, diesen Trip nicht durchzustehen, wie soll dann ein 73-jähriger Herr die körperlichen Strapazen ertragen?
Auf diesem Wegabschnitt an der Isar entlang muss man geduldig sein, bis man schließlich das E.ON Wasserkraftwerk erreicht. Über einen schönen Waldweg kommen wir bis nach Schäftlarn. 
...lieber noch ein bisschen sitzen bleiben...

Brett/Baum vor dem Kopf

Im Moment geht es uns körperlich noch gut und nach einer Vesper-/Pinkel-Pause gehen wir weiter. Doch kaum sind wir ein paar Schritte gegangen, verspüre ich heftige Schmerzen in den Fußsohlen, die bis in die Waden hochziehen. Auch Dorothee und Johanna scheint es nicht besser zu gehen. Unser Lauf-Stil entwickelt sich vom flotten Gehen heute morgen in eine eher groteske Art der Fortbewegung, die man vielleicht mit „O-beinigem Humpeln“ näher beschreiben könnte. Ich habe das Gefühl, weder richtig abrollen noch die Beine durchstrecken zu können.
Jeden einzelnen Schritt spüre ich, als wir auf einem Damm (der irgendwie nicht zu enden scheint) und schließlich durch eine Stahltür am Ickinger Wehr über die Isar nach Wolfratshausen kommen. 
a never-ending-DAMM --> damn

das Ickinger Wehr


Mit letzter Kraft schleppen wir uns zu unserer Unterkunft, dem Gasthof Humpelbräu. Die ersten 34 km sind geschafft. Es ist 17.30 Uhr.
Unser Plan in Wolfratshausen einzukaufen fällt leider flach; der nächste Supermarkt ist zwar nur 15 min entfernt, für uns sind das aber 15 min zu viel.

Die große Portion Nudeln Emiliani im Restaurant des Gasthofes habe ich mir heute definitiv verdient. Den restlichen Abend verbringen wir zu dritt in unserem Zimmer indem wir unsere Füße massieren. Hierfür haben wir reichlich Hirschtalg dabei, der soll unter anderem das Wundwerden der Haut und die Bildung von Blasen verhindern. Unser Zimmer ist sehr geräumig und modern eingerichtet. Und so müde, wie wir alle sind, schlafen wir auch schnell ein.



Tag 2: Wolfratshausen - Bad Tölz


Der nächste Morgen ist hart. Wir schleppen uns zum Frühstück und lassen uns das reichhaltige Buffet schmecken.
Bei bewölktem Himmel und mit schmerzenden Füßen starten wir in den Tag und laufen von unserer Unterkunft durch einige Wohngebiete Wolfratshausens. Noch keine Viertel Stunde unterwegs treffen wir am Loisach-Isar-Kanal auf ein betagtes Pärchen. Der Mann spricht uns sofort an.
                     Mann: „Venedig-Wanderer?“
                     wir: „Ja“
                     Mann: (stellt einige sehr spezifische Fragen zu Strecke und Unterkünften)
                     wir: „Sind Sie den Traumpfad auch schon einmal gelaufen?“
                     Mann: (zeigt auf seine Frau) „Sie hat's schon gemacht!“
                     Frau: (zeigt auf Mann) „...und er hat's erfunden!“

Somit ist klar, wen wir hier vor uns stehen haben: Ludwig Graßler höchst persönlich! 
Mit seinen schon fast 90 Jahren ist er noch erstaunlich flott unterwegs. Ein großer Zufall, ihn hier zu treffen (es ist allgemein bekannt, dass Graßler gerne mal mit dem Fahrrad die Strecke zwischen Wolfratshausen und Bad Tölz abfährt, um Wanderer auf dem Beginn ihres Trips zu treffen; in unserem Fall war er aber gerade auf dem Weg zum Einkaufen). Im Nachhinein ist es das Beste, das uns an diesem Tag passieren konnte. Nach einem kurzen Gespräch wünscht er uns noch viel Glück. Beschwingt und durch Graßlers Worte angespornt, sind die Schmerzen in den Füßen plötzlich nur noch halb so schlimm. 
Unumgänglich - ein Foto mit Ludwig Graßler

Nur wenige Meter nachdem wir Graßler getroffen haben, lernen wir Maria kennen. Sie ist 19 Jahre alt und direkt aus Wolfratshausen. Heute ist ihr erster Tag auf dem Traumpfad. Maria ist alleine unterwegs und so beschließen wir diesen Tag gemeinsam zu wandern. Anders als wir, möchte sie nicht in Unterkünften übernachten, sondern in einem selbstgebauten Zelt, das aus ihren Wanderstöcken und einer Plane besteht. Ganz schön mutig, finde ich. Schon die Tatsache, dass Maria alleine wandern möchte, beeindruckt mich, doch ich bin mir nicht sicher, ob ihr Plan mit dem Zelten aufgehen wird. Schließlich kann es nachts in den Bergen ganz schön kalt werden. Maria beschwichtigt uns. Bei schlechtem Wetter wird sie auf jeden Fall eine der zahlreichen Berghütten, die auf dem Weg liegen, aufsuchen.
Der Weg heute ist nur wenig spektakulär und so ist es ein Segen, dass wir reichlich Gesprächsstoff haben. Das Naturschutzgebiet ist zwar ganz nett für einen Spaziergang, aber der Weg zieht sich. Wir machen unsere erste Pause am Seidlkreuz. Doch kaum haben wir es uns gemütlich gemacht, setzt leichter Nieselregen ein. Regenjacke raus, Regenhülle auf den Rucksack und weiter geht’s.
Seidlkreuz: wir flüchten vor 'Riesen-Ameisen' auf eine
 Bank um uns regenfest zu machen


In Bad Tölz angekommen heißt es für uns: 'Erst mal zu Penny'. Der Fehler hierbei (der uns noch einige Male passieren wird): geh niemals – und zwar wirklich niemals – hungrig zum Einkaufen. Sämtliche Produkte des Supermarktes scheinen uns aus den Regalen anzugrinsen. Nach dem Einkauf fühlt sich unser Rucksack deutlich schwerer an als er es sollte.
Welch Ironie: wir passieren das 'Haus der Fußgesundheit'
in Bad Tölz, während wir vor Schmerzen in den Füßen
kaum laufen können

An dieser Stelle trennen wir uns vorerst von Maria und so checken wir um 17.00 Uhr im Alten Zollhaus ein. Hier stellen wir nur schnell unser Gepäck ab und gehen zurück in die Tölzer Altstadt, wo wir Maria wieder treffen. Gemeinsam gehen wir zum Pizza essen, denn wer weiß schon, wann man sich das nächste Mal sieht. Maria möchte noch einige Kilometer weiterlaufen, um dann am Isar-Ufer ihr Zelt aufzubauen.
Dorothee, Maria, Ich (v.l.n.r.) in der Tölzer Altstadt

Als wir am Abend in unserem Zimmer liegen und mal wieder unsere geschundenen Füße mit Hirschtalg massieren, fängt es schlagartig an in Strömen zu gießen. Jetzt möchte ich nicht in Marias Haut stecken...

Tag 3: Bad Tölz - Tutzinger Hütte


Bevor wir an diesem Morgen richtig loslaufen, gehen wir erst mal zum Müller um eine zweite Tube Hirschtalg zu kaufen – unsere Füße haben es definitiv nötig. Von der Isarbrücke, die mitten in Bad Tölz steht, geht es an unserer „geliebten“ Isar entlang Richtung Süden. Die Isar ist zwar wirklich ein wunderschöner Fluss, aber zwei Tagen auf der Ebene sind wir eigentlich bereit für die Berge.Das sogenannte 'Klein Kairo' bietet für uns eine willkommene Abwechslung. Allerdings haben wir uns definitiv mehr von der Steinpyramiden-Stätte erwartet; viele von ihnen sind zerstört und noch nicht wieder aufgebaut. 

'Klein Kairo'

Bis nach Lenggries bleibt die Strecke eben. Ich habe das Gefühl, meine Füße fallen fast ab, bei jedem Schritt spüre ich einen merkwürdigen Druck unter den Sohlen, als hätte ich eine ausgebeulte Einlage im Schuh. Da ich dieses Gefühl allerdings auch barfuß habe, ist klar, dass es sicher nicht an den Schuhen liegt. Wir quälen uns durch Lenggries bis hin zur Brauneck-Bahn. Mit einem Blick auf Johanna und Dorothee merke ich, dass es den beiden auf keinen Fall besser geht, als mir. Uns wird bewusst, dass der 2-stündige Aufstieg zur Bergstation in unserem Zustand wahrscheinlich eher 3 Stunden dauern würde und so beschließen wir, stattdessen die Gondel nach oben zu nehmen. 10,50€ und 15 min später stehen wir an der Bergstation. Nach diesem „anstrengenden“ Aufstieg machen wir erst mal eine Mittagspause. Motivation und Stimmung sind im Keller. Ich frage mich ernsthaft, wie ich das die nächsten 4 Wochen durchhalten soll. Wo bleibt denn da der Spaß?
Nachdem wir nach der Pause auf sämtlichen Wegen des Braunecks hin und her irren, mehrmals umkehren und keine Ahnung haben, wo es eigentlich hin geht, finden wir uns plötzlich auf dem richtigen Weg wieder (zumindest zeigt ein Pfeil in Richtung Tutzinger Hütte). 



Als wir zurück blicken, sehen wir das Brauneck-Haus, das wir fälschlicherweise umgangen haben. Der Ausblick von hier oben ist toll, wir können die ganze Ebene, die wir die letzten 2 Tage gewandert sind, überblicken. Etwas später entscheiden wir uns, den Weg über die Achselköpfe zu nehmen. Dieser ist zwar technisch anspruchsvoller und erfordert etwas Schwindelfreiheit, allerdings hat er auch (laut Rother Wanderführer) insgesamt ca 400 hm (hoch und runter) weniger, als die etwas abgeschwächtere Variante, die über den E4 verläuft. Die Strecke über die Achselköpfe führt zunächst über eine Metallleiter. An teilweise sehr steilen Stellen ist nun auch zum ersten Mal der Einsatz unserer Hände gefragt. Das „Klettern“ erfordert, neben großer Konzentration, viel Kraft; ich spüre jedes Kilogramm auf meinem Rucksack. Teile des Weges sind auch mit Drahtseil versichert, die Sache beginnt richtig Spaß zu machen. 


...steiler Abstieg

Von einer Sache sind wir jedoch richtig genervt: die Beschilderung dieses Weges ist teilweise extrem verwirrend. So steht beispielsweise auf einem Schild eine Zeitangabe von 1,5 Stunden bis zum Ziel (an die genauen Zahlen kann ich mich leider nicht mehr erinnern, die genannten Zahlen sollen lediglich als Beispiel dienen). Nach 45 min Gehzeit in normalem Tempo folgt ein weiteres Schild, auf dem erneut 1,5 Stunden bis zum Ziel angegeben sind. Im Gespräch mit anderen Wanderern stellen wir später fest, dass nicht unsere Orientierungslosigkeit das Problem war – auch andere wunderten sich über die Schilder.

unser erster Steinbock
Während des Abstiegs ragt links von uns die imposante Nordwand der Benediktenwand auf. Schon bald sehen wir von Weitem die Tutzinger Hütte. Die kostenlose warme Dusche (welche wir an diesem Tag definitiv noch nicht zu schätzen wissen) und den leckeren Kaiserschmarren haben wir uns heute redlich verdient. Beim Abendessen kommen wir mit einigen anderen Wanderern ins Gespräch. Gemütlich lassen wir den Abend mit dem Blick auf die mächtige Benediktenwand ausklingen.

die Nordseite der Benediktenwand




Entspannung am Abend vor der Tutzinger Hütte

Tag 4: Tutzinger Hütte - Vorderriß


Um 8:00 Uhr des vierten Tages verlassen wir die Tutzinger Hütte in Richtung Benediktenwand. Das Frühstück lassen wir aus, eine weise Entscheidung, wie wir später erfahren. Denn für 9€ bekommt man laut anderen Wanderern nur ein wenig Schwarzbrot mit Käse und etwas Kaffee. Bis auf den Kaffee besteht unser aus dem Tal mitgebrachtes Frühstück aus denselben Bestandteilen. Die 1,5 Stunden Umweg auf den Gipfel der Benediktenwand sparen wir uns. Während unserer Frühstückspause treffen wir Opi wieder, den 73 jährigen Rentner, der wie immer mit einer unglaublichen Gelassenheit und Ruhe den Weg entlang läuft.


Wir lassen die schön gelegene
Tutzinger Hütte hinter uns...

Schon vor dem Frühstück geht es
ordentlich bergauf!

Blick zurück ins Tal

Im Eiltempo geht es nun weiter nach Jachenau hinab, wir wollen auf keinen Fall die Öffnungszeiten des Dorfladens verpassen, dieser hat nämlich eine tägliche Mittagspause von 12:30 bis 15:00. Auf dem Weg dorthin passieren wir einen wunderschönen Wald, der mich an einen Märchenwald erinnert. Und tatsächlich: wir sehen ein Einhorn! Leider handelt es sich nur um einen Luftballon, wie man ihn auf Jahrmärkten kaufen kann, der sich mit der Schnur in einem Baum verfangen hat. Aber auch so verliert der Wald nichts von seinem Zauber; im Hintergrund hört man einen Bach plätschern. Und kurze Zeit später kommen wir an einen Wasserfall.






Von dort dauert es auch nicht mehr lange und wir erreichen Jachenau mit seinem Dorfladen. Trotz seiner geringen Größe hat er eine erstaunlich große Auswahl an Produkten und so genießen wir kurze Zeit später ein leckeres Mittagessen mit frischen Erdbeeren und Pflaumen, Brötchen und Käse. Zum zweiten Mal an diesem Tag sehen wir Opi, der uns mit den Worten „So, meine lieben Damen“ begrüßt und sofort wieder unterwegs ist. Auf der kompletten Wanderung treffen wir keinen anderen Wanderer, der ein so gleichmäßiges Tempo hat, wie er.

Dorfladen in Jachenau

Dorothee und ich genießen
unser Mittagessen
Den langen Aufstieg zum Rißsattel, der jetzt vor uns liegt, meistern wir in einer regelmäßigen Geschwindigkeit erstaunlich schnell. Da haben wir uns wohl Opi zum Vorbild genommen. Doch weil wir wie immer am quatschen sind, verpassen wir beinahe den Abzweig nach Vorderriß. Zwei Ladies von der Luitpolder Alm ahnen zum Glück aber, wohin unser Weg eigentlich führt und schicken uns in die richtige Richtung. Als wir dann endlich den letzten Aufstieg auf den Rißsattel geschafft haben, können wir die Aussicht genießen (über deren Schönheit lässt sich aber streiten: zwar sieht man recht weit, jedoch sieht das ausgetrocknete Flussbett im Tal aus, als hätte jemand einen riesigen Eimer Beton ausgekippt).


Nach dem wir einmal das 'Panorama-Pinkeln' praktiziert haben, machen wir uns an den Abstieg. Dieser gefällt uns mit all seinen Serpentinen überhaupt nicht, vor allem Dorothee und Johanna haben Schmerzen in den Knien. Durch Zufall treffen wir in Vorderriß Maria, die gerade ihre Sachen am Ufer der Isar auspackt. Schnell checken wir im Gasthof Post im Lager ein, waschen unsere stinkenden Wanderklamotten und kehren mit unseren Badesachen zurück zur Isar. Das Wasser ist zwar eisig kalt, aber wir genießen gemeinsam mit Maria die Abwechslung.

Unser Abendessen nehmen wir im Restaurant des Gasthofes ein und kehren dann zurück in unser Lager.
Mit dem, was dann passiert, hätte wohl keiner von uns gerechnet. Denn als wir so in und vor der Unterkunft sitzen, kommt ein junger Mann aus Tschechien zu uns. Er stellt sich als Jakub vor und erzählt, er habe am selben Tag wie wir (also am Mittwoch), allerdings nachmittags, Ludwig Graßler getroffen. Dieser habe ihm von der Gruppe junger Mädchen (also von uns) erzählt. „I hunted you“, erzählt uns Jakub und schenkt uns Gummibärchen. Wir seien sein „achievment“, sein „goal“ und sein Ansporn gewesen weiter zu laufen. Das Gespräch schlägt eine Richtung ein, die leicht gruselig ist. Am späten Abend setzt sich Jakub erneut zu uns. Er möchte die nächsten Tage mit uns mitlaufen. Bereits jetzt überlegt er, diesen Trip zu beenden; er hat wenig Spaß und seine Tagesetappen sind unserer Meinung nach viel zu lang. Schließlich hat er die ersten 4 Etappen in nur 3 Tagen zurückgelegt. Das kann ja keinen Spaß machen! Nach diesem etwas schrägen Abend gehen wir gerne ins Bett.
ein irritierendes Verbotsschild bei unserem Gasthof


Johanna und ich entspannen ein wenig

Tag 5: Vorderriß - Hinterriß

Heute ist unser erster Pausetag, was in unserem Fall bedeutet, dass wir heute nur 10km auf gerader Strecke vor uns haben. Geplant war das im Voraus nicht, als wir aber die Unterkünfte für die erste Woche buchen wollten, hatten wir im Karwendelhaus keinen Lagerplatz mehr bekommen (das Karwendelhaus ist einfach zu erreichen und deshalb gerade bei Tagestouristen sehr beliebt. Ich empfehle deshalb, schon frühzeitig zu reservieren und wenn möglich unter der Woche und nicht am Wochenende dort zu übernachten.)
Gemeinsam mit Jakub machen wir uns auf den Weg von Vorderriß nach Hinterriß. Viele Wanderer sparen sich diese Strecke und fahren die 10km mit dem Bus, da sie hauptsächlich an der Straße entlang führt und landschaftlich nur wenig bzw. keinen Reiz hat. Außerdem ist es tatsächlich nicht ganz ungefährlich an der Straße entlang zu laufen, es gibt hier keinen Bürgersteig.
An diesem Tag lernen wir Jakub etwas besser kennen; er ist eigentlich ein total netter Kerl, der gestern Abend evtl. etwas zu enthusiastisch reagiert hat. Mit interessanten Gesprächen gehen die 2,5 Stunden bis nach Hinterriß im Nu vorbei. Unterwegs passen wir endlich die österreichische Grenze. Freude kommt auf, der erste Meilenstein ist geschafft!



In Hinterriß angekommen beschließt Jakub direkt weiter zu wandern. Wir hingegen checken im Gasthof zur Post ein und genießen den Rest des Tages indem wir ganz ohne Stress lesen, Wäsche waschen und entspannen. Außerdem reservieren wir einige Hütten für die nächsten Tage. Doch auch dieses Mal gibt es ein Problem: das Tuxer-Joch-Haus hat anscheinend keine Plätze mehr frei. Wir entscheiden uns, dass wir trotzdem wie geplant unsere Etappen fortführen. Schließlich können die Hüttenwirte uns ja nicht draußen schlafen lassen!? Insgesamt war das heute ein erholsamer Tag.

Tag 6: Hinterriß – Karwendelhaus


Als Wanderer ist man hungrig. Und zwar immer! Als Wanderer isst man so viel man kann, schließlich weiß man nicht, wann man das nächste Mal etwas Nahrhaftes zu sich nehmen kann. Und so kommt es uns nicht ungelegen, dass das Frühstücksbuffet unserer Unterkunft absolut überragend ist. Der Blick nach draußen hingegen lässt unsere Laune an diesem Morgen in den Keller fallen. Ein mal stärkerer, mal schwächerer Dauerregen nimmt uns die Vorfreude auf die heutige Etappe. In voller Regenmontur machen wir uns also auf den Weg.

Doch schon nach kurzer Zeit wird mir beim stetigen Aufstieg viel zu warm in meinen Regenklamotten. Also beschließe ich in kurzer Hose weiterzulaufen, nass werde ich so oder so. Wir folgen einem Forstweg, immer wieder zweigen kleine Pfade in den Wald ab, in deren Richtung Schilder mit der Aufschrift „Karwendelhaus“ zeigen. Diese sind zwar im Wanderführer nicht beschrieben, sind aber eine ganz nette Variante. Sie führen parallel zum Forstweg durch den Wald, kehren aber immer wieder zum ursprünglichen Weg zurück. Bei gutem Wetter könnte der Weg zum Karwendelhaus wirklich schön sein, bei dem ganzen Regen kann man ihn aber nur schwer genießen. Alle paar Minuten muss ich stehen bleiben und meine Brille putzen, die Regentropfen auf der Brille machen das Sehen extrem anstrengend, ich bekomme Kopfschmerzen. Zu sagen, wir seien klatschnass, wäre eine krasse Untertreibung. Kein Quadratzentimeter meines Körpers ist mehr trocken – von der Kleidung ganz zu schweigen. Schweiß vermischt sich mit Regen. Und auch mein Brillen-Problem wird nicht besser.
Trotz aller Probleme sind wir sehr schnell unterwegs und erreichen so nach 3 Stunden und 50 Minuten das Karwendelhaus.
In der Gaststube wärmen wir uns erst mal mit einem heißen Tee auf, später gibt’s für uns alle einen Kaiserschmarren. Gott sei Dank gibt es auf dieser Hütte einen Trockenraum. Der ist zwar maßlos überfüllt und der Geruch erinnert an eine Umkleidekabine voller verschwitzter Fußballspieler samt stinkender Sportschuhe, doch das ist immer noch besser als gar kein Trockenraum. Gerade, als ich meine Sachen aufgehängt habe, und in Richtung Gastraum zurückgehe, sehe ich Opi die Treppe hinauf huschen. Er hat es also auch bis hierher geschafft. Und wieder einmal bin ich beeindruckt!
Im Hüttenbuch sehen wir, dass Jakub gestern hier ankam. Er wollte wohl heute über den Schlauchkarsattel, bei diesem Wetter, und vor allem alleine, eine gefährliche Sache; hoffentlich hat er sich da nicht zu viel vorgenommen...

Das Lager im Karwendelhaus ist groß, etwa 200 Gäste können insgesamt in der Hütte untergebracht werden. Hier im Lager verbringen wir einen Großteil des Mittags; in Decken gekuschelt lesen wir gemütlich auf unseren E-Readern. Am späten Nachmittag kommt dann endlich noch die Sonne raus und wir können die wunderbare Aussicht von der Terrasse aus genießen.
...endlich ist das Wetter wieder besser!


Ein Hoch auf Doro, die mir an diesem
Nachmittag eine Massage verpasst.

Dorothee...

...und Johanna

Tag 7: Karwendelhaus – Hallerangerhaus


Lagerplätze in Hütten sind zwar schön billig, einen Nachteil haben sie aber doch: Man kann gegen schnarchende und auch redende Schlafgenossen kaum etwas unternehmen. Die Nacht war kurz, denn ich konnte gestern lange nicht einschlafen. Während wir am Vortag nur eine sehr kurze Tour vor uns hatten, steht uns heute eine Mörderetappe über den Schlauchkarsattel bis zum Hallerangerhaus bevor. Frühstück gibt’s um 7 Uhr (4 Scheiben Brot und Marmelade; für mehr Geld gibt’s z.B. auch ein leckeres Müsli), um 8 Uhr sind wir abmarschbereit. Direkt beim Karwendelhaus führt uns der Weg durch Lawinengitter steil den Berg hinauf. Hier ist einiges an Geschicklichkeit gefragt, ein paar Stellen sind etwas knifflig, vor allem weil sie vom gestrigen Regen noch feucht und rutschig sind. Der Weg hinauf über den Schlauchkarsattel zieht sich durch Geröllfelder. Der heutige Tag ist sehr sonnig und heiß und so sind wir froh schon früh gestartet zu sein, der Weg liegt am Morgen noch im Schatten. Die Felsen an der linken Seite des Weges sind gesäumt mit Gedenktafeln verunglückter Wanderer – ganz schön gruselig!
Der lange und beschwerliche Weg über den Schlauchkartsattel


...und wir haben noch ein ganzes Stück vor uns...




Auf dem Weg nach oben werden wir von zwei jungen Männern in Turnschuhen überholt. Fröhlich schwatzend legen sie ein Tempo an den Tag, dass mir Angst und Bange wird; wie können die bei der Geschwindigkeit auch noch reden, während ich wie eine alte Dampflok den Berg hoch hechle? Ich kann mich jedoch beruhigen. Die zwei haben nur einen kleinen Tagesrucksack dabei, kein Wunder, dass sie so viel schneller sind als wir. Nach knapp 1000hm kommen wir ein wenig unterhalb der Birkkarspitze an. Bei dem strahlend blauen Himmel heute kann man das wundervolle Panorama hier bei einer kleinen Pause richtig genießen. Wir entscheiden uns, den Umweg über die Birkkarspitze auszulassen der Aufstieg hat uns geschafft und unser Wanderführer hat die heutige Tour auf 8,5h reine Gehzeit geschätzt. Wir sind uns nicht sicher, ob unserer Kräfte für eine zusätzliche Gipfelbesteigung reichen.


der Gipfel der Birkkarspitze

...und ein obligatorisches Gruppenfoto

Also machen uns an den Abstieg. Dieser ist technisch anspruchsvoll und nimmt bei uns viel Zeit in Anspruch. Ein Drahtseil erleichtert an besonders schwierigen Stellen das Vorwärtskommen. Über scheinbar endlose Geröllfelder rutschen wir den Hang hinunter. Ich komme mir eher vor wie beim Skifahren, oft rutsche ich aus und lande auch ein paar Mal auf dem Hosenboden. Wenig später kommen wir an das erste Schneefeld dieser Tour, eine willkommene Abwechslung. Wir steigen noch ein wenig weiter ab, bevor wir schließlich unsere Mittagspause machen. Die haben wir uns heute wirklich verdient.

Doro beim Abstieg 


Endlich sind wir unten im Tal und legen in der nahe gelegenen Kastenalm erneut eine Pause ein. Hier gibt es zu günstigen Preisen frisch gekühlte Getränke und auch das Essen aus Alm-eigener Produktion soll sehr lecker sein, erzählen uns später noch andere Wanderer. Von der Kastenalm sind es nur noch ca. 1,5 Stunden bergauf bis zum Hallerangerhaus. Wir essen auf der Terrasse zu Abend und bekommen als kleines Highlight zum Ende eines anstrengenden Tages einen perfekten Sonnenuntergang zu sehen.
Was mich im Nachhinein allerdings ein wenig ärgert, ist, dass wir nicht auf die Birkkarspitze gegangen sind. Die Aussicht am heutigen Tag soll grandios gewesen sein und jetzt am Abend weiß ich auch, dass die Kräfte für diesen Aufstieg noch gereicht hätten. Hinterher ist man immer schlauer, ändern kann man es trotzdem nicht mehr. Und deshalb ist mir die Situation so doch um einiges lieber als anders herum.

die Kastenalm




Tag 8: Hallerangerhaus – Voldertalhütte


Für Tag 8 gibt es im Rother Wanderführer mehrere Varianten: die erste führt vom Hallerangerhaus zur Glungezer Hütte, die zweite zur Voldertalhütte und die dritte Variante direkt zur Lizumer Hütte. Mit der letzten Möglichkeit kann man zwar einen Tag sparen, muss allerdings auch mit dem Bus fahren. Wir entscheiden uns für die Voldertalhütte, denn die Glungezer-Variante klingt zwar recht beeindruckend – selten kann man 6 Gipfel an einem Tag schaffen – aber auch sehr anstrengend. Zudem wissen wir nicht, ob wir dieser schwierigen Tour überhaupt gewachsen sind. Als weiteres Problem sehen wir das unberechenbare Wetter.

Blick zurück auf das Hallerangerhaus

Kurzum: an diesem achten Morgen der Tour machen wir uns auf in Richtung Voldertalhütte. Der Aufstieg zum Lafatscherjoch ist (im Vergleich zum Schlauchkarsattel) recht kurz und sehr gut machbar. Hier oben erwartet uns ein schöner Blick bis hinunter ins Tal.





Wir versuchen unser Glück beim "Rei in der Tube"-Gewinnspiel.
Mit einem Urlaubsfoto mit "Rei" kann man bis zu
2500 Euro Urlaubsgeld gewinnen.

Beim Abstieg stellen wir zum wiederholten Mal fest, dass wir bergauf zwar immer recht gut in der Zeit sind, bergab aber kaum mit den Angaben des Wanderführers mithalten können. Hier bietet der Wanderführer zwei Varianten und wir entscheiden, den Abzweig über den Hirschbadsteig zu nehmen. Dieser wird nur bei gutem Wetter empfohlen, bei der heutigen Hitze fällt uns die Entscheidung also leicht. Allerdings müssen wir feststellen, dass die Pfade trotz Sonnenschein am gestrigen Tag, immer noch extrem matschig und vor allem rutschig vom Regen der vergangenen Tage sind. Also lassen wir uns Zeit, die Natur um uns herum können wir so sowieso besser genießen. Durch wunderschöne Wiesen bahnen wir uns den Weg nach unten ins Tal.
Plötzlich höre ich seltsame Geräusche hinter mir. Als ich mich umdrehe, kann ich gerade noch zur Seite springen, da überholt uns eine Gruppe von drei Frauen auf dem schmalen Weg. Wir haben sie schon die letzten Tage immer mal wieder gesehen, sie sind wahnsinnig schnell unterwegs und heißen deshalb nur „die Rennfrauen“ bei uns. Dass diese Namensgebung passend war, bestätigt sich nun in dieser Situation. „Habt ihr es eilig?“, rufe ich ihnen hinterher. Da dreht sich Rennfrau 1 um und ruft mit immer leiser werdender Stimme (schließlich müssen sie ja ihr Tempo halten): „Nein, aber man muss die Energie ja nicht an den kleinen Weg verschwenden...“ Dorothee, Johanna und ich bleiben etwas verdutzt zurück. Wir wissen nicht so recht, was wir mit dieser Aussage anfangen sollen und außerdem fragen wir uns eines: wie zur Hölle können die Rennfrauen so schnell den Berg runter rennen (und ganz ehrlich, das Tempo der drei war tatsächlich näher am Joggen als am Wandern), ohne dabei hinzufallen? Schließlich rutschen wir drei bei fast jedem Schritt aus und unsere Schuhe und Hosen sind inzwischen schlammbedeckt. (Diese Frage und vor allem die Frage nach dem Sinn dieser Konversation bleibt bis zum Ende unserer Reise ungeklärt. Vorschläge zur Bedeutung der Aussage der Rennfrau werden gerne angenommen.)
Endlich kommen wir nach Hall, das letzte Stückchen der Strecke war anstrengend, immerhin haben wir gerade ca 1500hm am Stück zurückgelegt. In Hall stürmen wir dann (mal weder extrem hungrig) gleich zwei Supermärkte und decken uns mit allem möglichen Essen ein. Besonders beliebt waren bei den meisten Wanderern Trockenfrüchte als kleiner Snack zwischendrin. In Hall gibt es außerdem zahlreiche Banken, hier findet jeder den passenden Geldautomat um sein Portemonnaie wieder aufzutanken.
Wir wandern weiter bis in die Fußgängerzone (alternativ kann man hier auch mit dem Bus fahren) und genießen eine Eisschokolade.
Gestern habe ich festgestellt, dass die Schnürsenkel meiner Wanderschuhe extrem brüchig sind und einer bereits zu reißen droht. Zum Glück kann ich hier im Tal neue Schnürsenkel kaufen.
Wir trödeln noch eine Weile in Hall rum, doch nach dieser 'langen' Zeit in der Zivilisation fallen wir in ein Motivationsloch. Die Hitze ist unerträglich und viel lieber würden wir uns jetzt in einen kühlen Pool stürzen oder zumindest im Schatten bleiben, als unsere schweren Rucksäcke zu schultern und weiterzuziehen.
Bevor wir allerdings weiterlaufen müssen, fahren wir von Hall nach Tulfes mit dem Bus. Es ist ein komisches Gefühl, in so kurzer Zeit eine so lange Strecke zurückzulegen. Von der Glungezer Bahn geht es zu Fuß weiter nach Windegg. 
Der Parkplatz der Glungezer Bahn; von dort starten
wir quasi zum zweiten Mal an diesem Tag.

Die Strecke schaffen wir in nur 35min statt der veranschlagten Stunde, unser mentales Tief ist überwunden. Hinter uns türmt sich das Karwendelgebirge auf, es ist ein tolles Gefühl zu wissen, dass man über diese Berge hierher gekommen ist.
das Karwendelgebirge...

In Windegg machen wir einen kurzen Stop bei einer kleinen, süßen Kapelle. Durch unsere Trödelei in Hall ist es schon spät, deshalb machen wir uns recht schnell wieder auf den Weg. Bei der Stift-Alm füllen wir an einem Brunnen noch einmal unsere Flaschen auf und kommen schließlich erst um 17:30 in der Voldertalhütte an. 
Vor uns liegt die Stiftalm, von dort ist es nicht
mehr weit bis zu unserem heutigen Ziel.

Die ist so richtig urig, während des Essens (die Kässpätzle sind wahnsinnig lecker) läuft so richtig süße 'Bergmusik' im Hintergrund. Und der Hüttenwirt ist sehr nett. Er gibt uns den Tip am nächsten Tag nicht so viel Wasser mitzuschleppen, da man zumindest am Anfang ca jede halbe Stunde nachfüllen kann. Es sind nur wenige Gäste auf der Hütte und so wir es ein ganz entspannter Abend für uns.


Tag 9: Voldertalhütte – Lizumer Hütte


In der vergangenen Nacht hat es sehr stark gewittert, man hätte meinen können, die Welt gehe unter. Nichts desto trotz starten wir an diesem Morgen wirklich gut in den Tag. Das Frühstück ist lecker und wir dürfen sogar kostenlos Nachschlag beantragen. Auch der Himmel ist wieder strahlend blau und nichts erinnert mehr an die Blitze und den Donner der letzten Nacht. Kurz nach dem Frühstück telefoniere ich mit meinen Eltern. Sie haben gute Nachrichten für mich, meine Bewerbung für meinen Wunschstudienplatz wurde angenommen. Nichts kann meine Laune jetzt noch trüben!

Bevor wir aufbrechen gibt uns der Hüttenwirt der Voldertalhütte noch eine Wegbeschreibung, mit deren Hilfe wir die klatsch-nasse Wiese umgehen sollen. Nach gut einer halben Stunde landen wir auf einem wunderschönen kleinen Pfad, der rechts eines Baches liegt. Allerdings stellen wir fest, dass es sich hierbei weder um den Weg aus dem Wanderführer, noch um die Variante des Hüttenwirts handelt. Die Landschaft erinnert uns ein bisschen an das Auenland von 'Herr der Ringe', eine saftig grüne Wiese, gespickt mit Felsbrocken, wird durchflossen von einem kleinen Bach. 


Plötzlich stehen wir jedoch vor einem Schild: „Betreten strengstens verboten! Achtung, Steinschlaggefahr! Der Bürgermeister“. Zum ersten Mal kommt jetzt unser GPS-Gerät zum Einsatz. Wir stellen fest, dass wir weit unterhalb des eigentlichen Weges unterwegs sind. Querfeldein schaffen wir es aber wieder auf den regulären Weg zurück und landen schließlich bei der Vorbergalm.

Im Rekordtempo überholen wir etliche andere Wanderer und kommen schließlich zur Steinkasernalm. Hier gibt es einen Selbstversorgerbrunnen, für wenig Geld bekommt man frisch gekühlte Getränke. Der Blick zurück zum Karwendelgebirge ist überragend. Die weiße Wolkenschicht unterhalb der Gebirgskette wirkt wie ein Podest. Heute ist ein heißer Tag und so lassen wir uns viel Zeit bei unserer Pause. 
Selbstversorgerbrunnen mit Charme



Hütten rund um die Steinkasernalm




dieses Foto hat es quasi auf die Titelseite geschafft.
Aber wer verliebt sich auch nicht in diesen Ausblick!

Dorothee und Johanna (hier im Bild) hatten
anscheinend noch nicht genug Bewegung...

Zwischen zahlreichen Kühen und Gebirgsbächen legen wir das letzte Stückchen bis zum Naviser Jöchl zurück. Auf dem Gipfel ist es extrem windig, also gehen wir einige Meter weiter und machen geschützt zwischen einigen Feldblöcken unsere Mittagspause. Nach und nach kommen immer mehr Wanderer, die wir bereits in den Tagen zuvor getroffen haben, vorbei. Sie sind nicht wie wir die Variante über die Voldertalhütte gelaufen, sondern haben auf der Glungezer Hütte übernachtet. Diese war wohl so überbelegt, dass einige Übernachtungsgäste sogar in einem Zelt draußen schlafen mussten. Der Geier-Weg aber soll am heutigen Morgen zwar anspruchsvoll, aber sehr schön gewesen sein.



Frisch gestärkt kommen wir in ein militärisches Sperrgebiet. Die Schilder weißen auf mögliche Schießübungen hin und obwohl ich weiß, dass ich hier sicher unterwegs bin, habe ich ein leicht beklemmenden Gefühl. Durch eine grüne hügelige Landschaft mit (mal wieder) sehr vielen Kühen wandern wir weiter Richtung Schottebenalm. 




Etwas weiter den Berg hinunter sehe ich auf einmal eine extrem große Gruppe von Menschen den Berg hinauf gehen. Als sie näher kommen, erkennen wir, dass sie alle dunkelgrüne Kleidung tragen. Und tatsächlich, es handelt sich, wie wir vermutet haben, um Militär. Ich persönlich bin noch nie so vielen Soldaten auf einmal begegnet und bin deshalb etwas verunsichert. Da wir uns hier aber in einem militärischen Sperrgebiet befinden, scheint es ganz normal zu sein, dass größere Mengen von Soldaten unterwegs sind. In dem für diese Region typischen „Griaßts eich“ grüßen uns die schwer bepackten jungen Männer.
Wir sehen nun bereits die Lizumer Hütte, unser Ziel für den heutigen Tag. Etwas unterhalb der Hütte befinden sich außerdem einige Militär-Kasernen.
Die Lizumer Hütte ist schön neu, sie wurde erst 2006 renoviert und das sieht man. Zum Abendessen bestelle ich mir Tiroler Kasnudeln. Die sind besonders erwähnenswert, denn im Nachhinein kann ich behaupten, dass dieses Abendessen definitiv zu den besten Mahlzeiten der ganzen Tour zählt! Der Hüttenwirt allerdings ist nicht sehr freundlich. Zumindest ist er keine 'Frohnatur'. Seine Frau hingegen, eine Asiatin, kommt gerne mit den Gästen ins Gespräch, sie spricht aber nur Englisch. Sie findet irgendwie Gefallen an meinen Haaren. Ganz ehrlich: Interesse an meinen Dreadlocks freut mich natürlich, aber als sie (ohne zu fragen) ständig in meine Haare fasst und an den einzelnen Dreads zieht, werde ich ein bisschen genervt, schließlich sind wir doch nicht in einem Streichelzoo! 
Nachdem wir im Gastraum noch gemütlich eine heiße Schokolade getrunken haben verkrümle ich mich deshalb am Abend auch recht schnell in unseren Lagerraum. Beim Einschlafen höre ich noch, wie zwei Männer im Gastraum mit ihren Trompeten 'Amazing Grace' spielen. So lässt es sich leben! 

Tag 10: Lizumer Hütte – Tuxer-Joch-Haus

Heute klingelt unser Wecker um 5.30 – arghh, das ist definitiv zu früh! Da wir aber im Tuxer-Joch-Haus noch keinen Schlafplatz haben, wollen wir auf Nummer sicher gehen, denn üblicherweise gilt bei den Hütten, „first come, first serve“, wenn man vorher nicht reserviert. Leise schleichen wir uns aus dem Lager, schließlich wollen wir die anderen nicht aufwecken. Mein Vollkornbrot bekomme ich um diese Uhrzeit kaum runter.
Dorothee muss uns heute leider verlassen. Sie geht noch mit ihrer Familie in den Urlaub und steigt deshalb an diesem Punkt aus. Mit einigen anderen Wanderern wird sie etwas später an diesem Tag absteigen. Der Abschied ist irgendwie seltsam. Sie wird mir fehlen!

Johanna und ich starten schon früh und
lassen Doro an der Lizumer Hütte zurück


die Sonne scheint wunderschön auf die Berge...
Der Weg schlängelt sich von der Lizumer Hütte leicht nach oben und wird mehrmals von einem kleinen Bach gekreuzt. Wir sind schnell unterwegs, das Geröllfeld überwinden wir im Nu. Irgendwie ist dieses Geröllfeld angenehmer als die der ersten Tage. Die Steine sind anders als bisher üblich; anstatt kleiner rutschiger Kiesel sind hier scharfe, flache Platten zu finden. Wir treffen auf Patrick, einen Wanderer, der schon seit Tagen bei allen nur „Der Poet“ heißt. Er ist viel alleine unterwegs, steht morgens schon extrem früh auf und ist nachmittags immer mit einem schwarzen Buch zu sehen, in das er stundenlang schreibt. Er macht gerade eine kleine Pause, sodass wir ihn überholen.
Schon bald sind wir auf dem Geierjoch. Die Aussicht ist wundervoll. Schweigend genießen wir die frühe Stunde mit einem perfekten Blick auf den Junsee – wie aus der Werbung! 
der Junsee


die gelben Schilder markieren auch
heute noch das militärische Sperrgebiet
das Murmeltier lässt sich so früh am
Morgen nicht einmal von uns stören
Nach einer kurzen Verschnaufpause steigen wir rechts, seitlich des Junsees ab. Die grünen Berge um uns herum strahlen eine unglaubliche Ruhe aus. Kurz steigen wir noch einmal über ein Geröllfeld den Hang hinauf. Von hier aus sehen wir den Tuxer Gletscher vor uns und auch das Tuxer-Joch-Haus entdecken wir in der Ferne. Vor uns liegt ein langer Abstieg. Es ist zwar immer noch Vormittag, aber die Hitze erschwert das Wandern jetzt schon. Das letzte Stück zum Tuxer-Joch-Haus ist anstrengend, wir hecheln mit letzter Kraft den Berg hinauf. Mein Trinken wird langsam wirklich knapp, ich bin froh, als wir endlich die Hütte erreichen. Es ist erst 11 Uhr vormittags, wir haben also inklusive Pause nur 5 Stunden hierher gebraucht, 1,5 Stunden schneller als der Wanderführer ohne Pause veranschlagt.
Nach einigem Hin und Her ist es dann endlich amtlich: Wir haben einen Schlafplatz im Lager für die kommende Nacht.
Wirt: „Ich habe schlechte Nachrichten: die Tür zu eurem Lager ist verdammt klein! Die gute Nachricht ist, das Lager dahinter ist ein bisschen größer!“
Und wirklich: die Tür zu unserem Lager ist gerade einmal so groß wie unser Rucksack hoch ist. Nicht nur einmal stoße ich mir an diesem Tag den Kopf an.
Johanna und ich haben beide großen Hunger und beschließen direkt Mittag zu essen. Die Portionen im Tuxer-Joch-Haus sind aber eher klein als fein (soll heißen: zu klein und dabei nicht einmal besonders lecker für einen nicht gerade kleinen Preis).
Etwas oberhalb der Hütte ist ein kleiner See. Dort kühlen wir uns – verbotenerweise – nach dem Essen ein wenig ab. Mit unseren E-Readern in der Hand sonnen wir uns auf einem großen Felsbrocken.
Als wir zurück zum Tuxer-Joch-Haus kommen, herrscht dort reger Betrieb. Wir duschen (im Allgemeinen bin ich nicht sehr anspruchsvoll, was Sauberkeit in 'öffentlichen' Duschen angeht; aber diese Dusche im Tuxer-Joch-Haus war wirklich nicht sehr hygenisch!) uns setzen uns nach draußen in den Vorraum der Hütte. Dieser ist voll verglast und bietet einen hervorragenden Blick auf den Tuxer Gletscher. Wir lernen Daniel und Franzi, „die Vogelgucker“, und Dennis und Hagen, zwei junge Typen aus Berlin kennen. Wir diskutieren eifrig über die Friesenbergscharte, die man in der Ferne schon erahnen kann. Sie wird im Wanderführer als eine der schwierigen Stellen beschrieben. Im Gespräch mit den anderen geht der restliche Tag im Nu vorüber. Das ist das Schöne am Wandern. Wer allein sein möchte, der findet genug Freiraum und Ruhe, aber wer Gesellschaft sucht, der findet stets gute und offenherzige Gesprächspartner.
Wir treffen Opi wieder und sind beeindruckt. Er hat es tatsächlich bis hierher geschafft. Allerdings, so erzählt er uns, wird er in den kommenden Tagen seine Strategie ändern. Das tägliche Wandern ist zu viel für ihn und er möchte nun nach 1-2 Tagen jeweils einen Pausetag einlegen. Aufgeben scheint für ihn aber nicht in Frage zu kommen.


Unser Abendessen nehmen Johanna und ich auf einem kleinen Gipfel hinter der Hütte ein. Als wir zurück in unser Lager kommen, stellen wir fest, dass nicht jeder so viel Glück mit seinem Schlafplatz hatte, wie wir. Dennis und Hagen müssen aus Platzmangel unter der Treppe zu unserem Lager schlafen – direkt vor den Toiletten und der Dusche. Die beiden werden wohl keine ruhige Nacht haben...

Tag 11: Tuxer-Joch-Haus – Olpererhütte

Wir starten heute um schon um 7:30 Uhr. Für den Nachmittag ist ein Gewitter angesagt, in das wir lieber nicht geraten wollen. Das Frühstück im Tuxer-Joch-Haus ist in Ordnung, für meinen Geschmack mit etwas zu viel Wurst und zu wenig Käse – jammern auf hohem Niveau.
Wir steigen von unserem Startpunkt erst ab und wenig später wieder auf in Richtung Spannnagelhaus. Der Weg ist regelrecht ätzend; wir haben unser Ziel schon heute morgen gesehen und doch scheint es nicht näher zu kommen. Anstatt zum Spannnagelhaus zu laufen kann man alternativ auch vom Tuxer-Joch-Haus absteigen und mit einer Gondelbahn bergauf fahren. Zuerst auf einem Fahrweg, später auf einem Wanderweg erreichen wir unser erstes Zwischenziel.
Ich habe großen Respekt vor der Friesenbergscharte, weiß nicht, was mich erwarten wird. Über ein riesiges Geröllfeld gehen wir weiter den Berg hinauf. Wir überholen Familie Griesgram, die wir schon seit einigen Tagen kennen. Ihren Namen haben sie von uns bekommen, weil nicht wirklich Spaß zu haben scheinen. Sie ziehen meistens missmutige Gesichter und die drei Kinder scheinen kaum Freiheiten zu haben. Dennoch haben sie meine Achtung, dass sie dieses Projekt als Familie durchziehen.
(kleine Zwischenanekdote: Johannas Kopf wird bergauf immer leicht rot. Frau Griesgram: „Du weckst den Mutterinstinkt in mir, Mädchen, du musst dich doch eincremen“. Da bleibt nichts mehr zu sagen). 
der Blick zur rechten Seite unseres Weges...

Das Spannnagelhaus haben wir schon hinter uns
gelassen und befinden uns mitten im Geröllfeld.

Der Aufstieg fällt uns recht leicht und schnell haben wir einen der höchsten Punkte der Tour, mit 2904m erreicht. Viel Platz ist nicht auf dem Gipfel und deshalb machen wir uns schnell wieder an den Abstieg. Unsere Angst war völlig unbegründet, der Abstieg ist wirklich ein Klacks. Zwar gibt es ein paar ausgesetzte Stellen, allerdings sind diese recht einfach zu überwinden. Später erfahren wir von einer Familie, dass diese die Friesenbergscharte sogar mit einem Hund recht leicht bewältigt hat.
Auf dem Berliner Höhenweg geht es weiter zur Olpererhütte. Der Weg besteht aus riesigen Steinplatten und zieht sich zwar, aber ich persönlich habe immensen Spaß dabei, von Stein zu Stein zu hüpfen. Wir treffen auf einige Schafe und wie beinahe jeden Tag: Kühe.

sooooo süß   ♥

Die Olpererhütte ist wahnsinnig schön, sie wurde erst 2012 renoviert und ist sehr modern. Draußen sind überall Hühner und Ziegen und man hat einen schönen Blick auf den Schlegeisspeicher. 
der Schlegeisspeichersee

Wir ergattern einen Schlafplatz im Winterlager. Als wir ankommen ist es erst 12.50 Uhr, wir entscheiden uns aber dafür, bis zum Abend mit dem Essen zu warten. So kommt es, dass wir den Nachmittag mit Dennis, Hagen und einigen weiteren Wanderern verbringen. Auch die Rennfrauen sind auf der Olpererhütte zu Gast. Sie sind nun nur noch zu zweit unterwegs, wie wir erfahren, musste die dritte Rennfrau im Tuxer-Joch-Haus krankheitsbedingt aussteigen. Natürlich nächtigt auch Familie Griesgram hier.
Mein Hunger wird über den Mittag immer größer und ich sehne den Abend herbei. Abendessen gibt es theoretisch ab 18:00 Uhr, bis aber mein Essen tatsächlich vor mir auf dem Tisch steht, ist es bereits 19:15 Uhr und ich fühle mich halb verhungert. Das Essen entschädigt aber für die lange Wartezeit, es ist nicht nur sehr schön angerichtet, sondern schmeckt auch noch hervorragend!

Den ganzen Abend warten die Gäste der Olpererhütte auf das angesagte Gewitter und als es über dem Stausee anfängt zu regnen, stehen viele von ihnen draußen und beobachten das Spektakel.

Tag12: Olpererhütte- Stein


Ich habe schlecht geschlafen, die komplette letzte Nacht hat ein Baby geschrien. Das Frühstück in der Olpererhütte ist in Ordnung, es gibt ein Buffet und wir hauen alle ordentlich rein. Auch heute wurde für den Nachmittag ein Gewitter angekündigt und so machen wir uns um kurz nach 8 Uhr auf den Weg. Das Landschaftsbild ändert sich kaum, wie bereits gestern Mittag geht es über große Steinblöcke auf nahezu waagrechtem Weg. Nach kurzer Zeit holen wir Dennis und Hagen ein, die beiden sind nur kurz vor uns gestartet und wir beschließen gemeinsam weiter zu wandern. 
Denis und ich klettern durch einen kleinen Wasserlauf

Weit vor uns sehen wir einen orangen Punkt in einer scheinbar sehr steilen Felswand. Wir vermuten, dass es sich um Rainer handelt, einer der Wanderer vom gestrigen Abend und fragen uns, ob wir da wirklich hoch müssen?!? Der Aufstieg ist aber, anders als aus der Ferne vermutet, sehr einfach und wir kommen gut voran. Eine ganze Weile laufe ich voraus, bis Hagen plötzlich hinter mir meint: „Hey Lisa, du weißt schon, dass dein Schuh sich gerade auflöst?“ Und tatsächlich, an meiner Schuhsohle ist ein beträchtliches Stück Gummi abgebrochen. Da ich im Moment jedoch sowieso nichts daran ändern kann, mache ich mir keine weiteren Gedanken und wir gehen weiter bis zum Pfitscher Joch. Dort, am Pfitscherjoch-Haus, möchten Hagen und Dennis heute nächtigen; Johanna und ich hingegen haben vor weiter nach Stein zu wandern.
Nach kurzer Zeit erreichen wir den italienischen Grenzstein. Ich bin mächtig stolz auf mich, auch wenn wir noch über die Hälfte der Strecke vor uns haben – ich bin zu Fuß nach Italien gelaufen und das ist schon mal eine Leistung.

auch Denis freut sich über den
italienischen Grenzstein

Bei einer kleinen Pause am Pfitscherjoch-Haus wird das ganze Ausmaß meines Schuh-Schlamassels deutlich: nicht nur ein kleiner Teil meiner Sohle ist abgebrochen, nein, beide Schuhsohlen sind durchzogen von großen Rissen und große Teile hängen seitlich nur noch an einem kleinen Zipfel. Ich bekomme ein wenig Panik, wie soll ich denn mit kaputten Schuhen über die Dolomiten, die kurz vor uns liegen, wandern? Es hilft alles nichts, ich brauche schleunigst neue Schuhe!
Und so lassen Johanna und ich die anderen an der Hütte zurück und steigen schnell ab ins Tal nach Stein. Wie es das Schicksal so will, gelangen wir nur 10 Minuten vor unserer Unterkunft in einen Platzregen, sodass wir beim Erreichen unseres Zieles klatschnass sind. Wir stellen unser Gepäck im Gasthof Stein ab und fahren mit dem Bus nach Scharnitz, der nächst größeren Stadt. Mit unseren Wanderklamotten und den klobigen Schuhen kommen wir uns ein bisschen fehl am Platz vor. Ein Glück ist heute Samstag und die Läden haben geöffnet. Wir decken uns mit neuen Lebensmitteln ein und landen schließlich beim 'Inter Sport'. Die Beratung ist ziemlich gut und wenig später stehe ich mit nagelneuen Bergschuhen auf der Straße. Ich habe mich sofort in sie verliebt und freue mich schon sie auszuprobieren. Außerdem hat der Verkäufer mir ein Paar Wandersocken geschenkt, der kleine Ausflug in die Zivilisation hat sich gelohnt!
meine wundervollen neuen Schuhe ♥

Mit dem Bus fahren wir wieder nach Stein zurück. Zum Abendessen genießen wir ein leckeres Omelett. Auch einige andere Wanderer treffen wir in der Gaststube, unter ihnen sind auch die Rennfrauen, Rainer und auch der Poet. Ein Teil von ihnen übernachtet zwar in einer anderen Unterkunft, hat aber dort im Voraus kein Abendessen bestellt und musste deshalb hierher kommen. Ziemlich spät am Abend kommen weitere Wanderer, die wir von den letzten Tagen kennen: Lea, Thomas, Valentin und Johanna. Sie haben an der Lizumer Hütte einen Tag Pause gemacht und dafür die letzten beiden Etappen zusammengelegt. Sie sind also vom Tuxer-Joch-Haus bis hierher nach Stein an einem Stück gelaufen – eine reife Leistung!
Der Gasthof Stein – oder auf italienisch 'Albergo Sasso' – ist insgesamt sehr gut und auch die Wirtin ist nett. Einziges Manko ist für mich die Dusche: im ersten Stock ist der Wasserdruck so niedrig, dass nur ein kleines Rinnsal aus dem Duschkopf kommt.

Tag 13: Stein – Pfunders


Die Nacht war erholsam, nach der Aufregung des letzten Tages hatten Johanna und ich die Ruhe im Doppelzimmer auch dringend nötig. Auch das Frühstück hier ist wunderbar und vor allem ist es endlich einmal genug für jeden.
Wie schon öfter auf unserer Reise können wir den Beschreibungen des Wanderführers nicht so ganz entnehmen, wo unser Weg weitergehen soll. So kommt es, dass wir, anstatt die Abkürzung durch den Wald zu nehmen, auf dem Fahrweg scheinbar endlose Serpentinen bergauf laufen. Laut Wanderführer soll hier irgendwo ein Parkplatz sein, aber es fällt uns schwer den Begriff „Kehre“ von „Kurve“ zu unterscheiden. Genau genommen kommen auf dem Fahrweg drei Parkplätze hintereinander. Endlich finden wir die Stelle, die vom Parkplatz in den Wald führen soll. Hier gibt der Wanderführer an, dass wir uns links halten sollen. Die Schilder zur Gliederscharte, unserem nächsten Zwischenziel zeigen allerdings nach rechts. Da im Wanderführer zum Teil auch Alternativen zu den offiziellen Wanderwegen beschrieben werden, halten wir uns also links. Der Weg endet aber nach wenigen Minuten und wir müssen umkehren. Ist der Rother Wanderführer hier veraltet? Außer uns hatte aber anscheinend kein anderer Wanderer ein Problem mit dieser Stelle, also liegt es vielleicht auch einfach nur an unserer Unfähigkeit Karten zu lesen...
Wir steigen also weiter zur Gliederscharte auf und treffen auf dem Weg dorthin diverse Bekannte der letzten Tage. Ein paar fragen mich sogar nach meinen neuen Schuhen. Der Buschfunk schläft nie, man redet über die anderen und Neuigkeiten sprechen sich schnell rum. Der Anstieg ist nicht besonders anspruchsvoll, aber er liegt weder Johanna noch mir. Irgendwann finden wir unseren Trott, ich setze Fuß vor Fuß, kann an nichts mehr denken, mein Kopf ist leer. Und so ist es fast schon verwunderlich, dass ich es überhaupt bemerke, als wir oben angekommen sind. Es ist windig und wir machen unsere Mittagspause geschützt hinter einem der zahlreichen kleinen Felsen.
durch das satte Grün sind wir dem Bachlauf bis hierher gefolgt

ein extrem steiler Grashang - wir haben ihn im Gegensatz
zu den Wanderern auf dem Bild schon bezwungen
ein schöner Blick während unserer Vesperpause


Kurze Zeit später kommen Dennis und Hagen gemeinsam mit David, einem weiteren Wanderer, um die Ecke. Gemeinsam machen wir uns an den Abstieg zur Oberen Engbergalm. Auch Rainer, Johanna und Familie Griesgram sind hier. 




Während die anderen den selbstgemachten (und anscheinend hervorragenden) Ziegenkäse der Alm genießen, machen wir uns nach einem kühlen Getränk weiter auf den Weg nach Pfunders. Kurz vor dem Ortsschild werden wir wieder vom Rest eingeholt. Johanna und ich haben uns auf dem Pichlerhof eingemietet.
Im Dorf erfahren wie aber, dass wir zum Pichlerhof nochmal ein ganzes Stück bergauf müssen. Um es mit den Worten der Wirtin des Gasthof Brugger zu sagen: „Der Pichlerhof ist das letzte Haus am Hang“. Wir stehen vor einem Problem: Auf dem Pichlerhof gibt es kein Abendessen, doch im Gasthof Brugger kann man erst ab 18:30 bestellen. Wir müssen also 3 Stunden überbrücken. Dennis und Hagen geht es nicht besser. Mit ihrer Reservierung lief irgendetwas schief, dass auch Johanna (also nicht „meine“ Johanna) mit ihrem perfektem Italienisch nicht regeln kann. Die beiden kommen schließlich privat bei einer älteren Dame unter.
Johanna ist hundemüde während wir auf unser Abendessen warten.
Und auch mir geht es nicht wirklich besser...

Nachdem wir endlich unser Abendessen hatten, machen wir uns auf den Weg zum Pichlerhof. Wie kommen an einem Hof vorbei, an dem ein nicht-angeleinter Hund steht. Er knurrt uns ziemlich gefährlich an. Johanna und ich, heldenhaft wie wir beide sind, beschließen den Hof zu umgehen, denn Ärger mit einem Hund können wir heute wirklich nicht mehr gebrauchen. Endlich erreichen wir unsere Unterkunft. Der Pichlerhof ist eigentlich eine Ferienwohnung, die Dame des Hauses hat Johanna und mich aber netterweise in ihrer Privatwohnung untergebracht, wir benutzen sogar das private Badezimmer unserer Gastgeber. Hundemüde fallen wir nach einem anstrengenden Tag in unsere Betten.


Tag 14: Pfunders - Kreuzwiesenalm


Zum Frühstück werden wir heute in die private Küche eingeladen. Maria, die Vermieterin ist ein wahrer Goldschatz. Kuchen, Joghurt, Brot – heute gibt es alles, was unser Herz begehrt. Wir laufen den Weg von gestern zurück zum Gasthof Brugger und heben am dortigen Geldautomat noch Bargeld ab. Mit dem Bus fahren wir bis nach Weitental und sparen uns so ca. 35 Minuten Fußmarsch; ein Großteil davon an der Straße entlang. Beim Einkaufen in Niedervintl treffen wir Denis, Hagen und die Rennfrauen wieder.


Der folgende Weg ist weder besonders abwechslungsreich, noch besonders spannend. In einem ewigen Zickzack schlängeln wir uns durch den Rodenecker Wald den Berg hinauf und machen Höhenmeter um Höhenmeter. Obwohl es nicht sonderlich heiß ist, tropft uns der Schweiß von der Stirn. Bald werden wir von Thomas, Lea und Valentin überholt. Die drei haben etwa unser Alter und sind sehr flott unterwegs. Thomas und Lea sind auf diese Reise gemeinsam gestartet. Valentin hingegen ist alleine unterwegs und hat sich den beiden spontan angeschlossen. Wir haben sie schon die letzten Tage immer wieder gesehen – irgendwie trifft man doch immer dieselben Leute wieder.
Der Waldweg scheint kein Ende zu nehmen und wird immer steiler, trotzdem ist die Gegend sehr schön, es herrscht eine angenehme Ruhe im Wald.

Kurz vor der Roner Hütte machen wir noch einen letzten Halt an der Hirschleiten Alm. Unser Vesper heute ist dank der im Tal gekauften Lebensmittel sehr üppig und vor allem abwechslungsreich. 




Ab der Roner Hütte geht es fast ebenerdig weiter. Es ist eine wunderschöne Gegend, um mit Familien zu wandern, allerdings sind sehr viele Touristen unterwegs. Diese kommen nicht wie wir zu Fuß auf den Berg, sondern fahren mit Bussen und Autos bis zur Roner Hütte. Als wir endlich an der Kreuzwiesenalm ankommen, sind wir zwar geschafft, werden jedoch schon von Denis, Hagen, Rainer und Johanna bereits erwartet. Das Matratzenlager befindet sich in einer extra Hütte, direkt neben dem Haupthaus. Insgesamt ist die Kreuzwiesen Alm sehr schön, das macht sich aber auch im Preis bemerkbar. Das wahnsinnig leckere Omelett am Abend bestätigt allerdings die Qualität der Alm. Den Abend lassen wir gemeinsam mit den anderen Wanderern gemütlich draußen in der Sonne ausklingen.
Foto von Rainer

Foto von Rainer


Von hier aus können wir schon den Peitlerkofel (großer Berg rechts)
erahnen. Bereits morgen werden wir ihn umgehen.


"Aus hygienischen Gründen ist das Tragen eines Hüttenschlafsacks
PFLICHT" steht auf dem Schild an der Wand. Gesagt, Getan...

Tag 15: Kreuzwiesen Alm – Schlüterhütte


Auch am nächsten Morgen beeindruckt uns das Essen der Kreuzwiesen Alm. Ein großes Buffet mit selbstgemachtem Joghurt, Käse, Butter und Alm-Milch sorgt für eine hervorragende Stimmung.
Gemeinsam mit Thomas, Lea und Valentin brechen wir schon um 7:45 auf, wenig später stoßen auch Denis und Hagen zu uns. Wir wissen zuerst nicht so recht, in welche Richtung wir gehen und landen schließlich, nachdem wir querfeldein durch ein paar Wiesen gestapft sind, auf dem richtigen Weg. Die Landschaft erinnert mit ihren grün geschwungenen Hügeln stark an „Herr der Ringe“ und ist insgesamt sehr schön.




Wenn man in einer so großen Gruppe unterwegs ist, ergibt es sich meistens, dass einige ein paar hundert Meter voraus laufen und andere ein Stück zurückfallen. Lea, Valentin und Hagen eilen schon seit einer ganzen Weile in Sichtweite vor uns den Weg entlang. Als wir an einen kleinen See kommen, treffen wir auf die Rennfrauen, die gerade eine Pause machen. Plötzlich bemerken wir, dass die drei aus unserer Gruppe eine Abzweigung verpasst haben. Auf unser Rufen und pfeifen reagieren sie nicht. Also laufen wir (den richtigen Weg) weiter und hoffen, dass sie ihren Fehler rechtzeitig bemerken. 
Der Peitlerkofel rückt immer näher 
Der kleine See wirkt ein bisschen fehl am Platz



Unser Wanderführer gibt bis zur Maurerberghütte, unserem nächsten Zwischenziel, 5 Stunden reine Gehzeit an. Wir brauchen nur 3 Stunden und 15 Minuten; inzwischen sind wir meistens deutlich schneller als der Wanderführer. Wir gönnen uns eine längere Pause und warten auf den Rest der Gruppe, der knapp 15 Minuten später kommt. Die Terrasse der Maurerberghütte bietet einen wundervollen Blick auf den Peitlerkofel, den wir schon seit heute morgen sehen. 
Foto von Rainer
Thomas, ich, Denis und Johanna (v.l.n.r.) auf der
Terrasse der Maurerberghütte

Wir steigen gemeinsam bergab zum Würzjoch. Hier wimmelt es nur so von Touristen. Während die anderen in zügigem Tempo den Berg in Richtung Peitlerscharte hinaufstürmen, brauchen Johanna und ich noch eine kurze Pause. Wir sind inzwischen wirklich geschafft und wollen uns vor dem letzten Aufstieg heute noch ein wenig ausruhen. So richtig in Fahrt kommen wir allerdings nicht mehr. Der Aufstieg strengt uns mehr an als uns lieb ist. Was uns jedoch deutlich mehr stört als die Anstrengung sind die zahlreichen Menschen, die sich hier tummeln. Der enge Schacht gleicht einem Ameisenhaufen; alle paar Meter müsse wir stehen bleiben um uns an Menschen vorbei zu schlängeln. Endlich haben wir die Peitlerscharte erreicht. Wir halten uns rechts und lassen so den Menschenpulk hinter uns. 

Direkt am Würzjoch thront majestätisch der Peitlerkofel

Vom Würzjoch aus geht es rechts um den Peitlerkofel herum.
Von der Peitlerscharte aus ist es nicht mehr weit...
Bald haben wir die Schlüterhütte, unser Tagesziel erreicht und werden dort schon von unseren Wanderkollegen erwartet. Doch nicht nur unsere inzwischen liebgewonnen Freunde treffen wir, auch Familie Griesgram und die Rennfrauen nächtigen heute hier.
Leider gibt es ein kleines Problem – obwohl die anderen bereits alle restlichen Plätze im Lager reserviert haben, gibt es nur noch ein freies Bett für Johanna und mich. Zum Glück gibt es ein Notlager; Johanna erklärt sich sofort bereit mir den Schlafplatz zu überlassen.

Der heutige Abend ist kein normaler. Wir feiern heute unser Bergfest, die Hälfte der Tour haben wir geschafft! (Eigentlich hätten Johanna und ich schon gestern unser Bergfest gehabt, doch wer will schon alleine feiern, wenn er stattdessen mit allen anderen den Abend zelebrieren kann? In gemütlicher Runde gönnen wir uns aus dem Tal mitgebrachten Schnaps. Es wird ein richtig lustiger Abend.

Lea, Rainer, Hagen, ich, Johanna
Thomas, Denis, Valentin

Foto von Rainer
Lagebesprechung für die nächsten Tage

Foto von Rainer
gemütlich lassen wir den Abend ausklingen


Tag 16: Schlütterhütte – Puezhütte


Für heute gibt der Wanderführer nur 5 Stunden Gehzeit an. Kein Wunder also, dass Johanna und ich uns morgens sehr viel Zeit lassen. Nachdem uns das Abendessen des vorherigen Tages nicht wirklich begeistert hat, verzichten wir auf das Frühstück der Schlüterhütte und essen lieber mal wieder unser Vollkornbrot. Erst um 9 Uhr machen wir uns auf den Weg. Schon von weitem sehen wir die Roa-Scharte, die bedrohlich steil auf uns wirkt. Doch der Schein trügt: ziemlich schnell haben wir die steinige Scharte überwunden, Johanna legt die Strecke in Rekordgeschwindigkeit zurück und wartet oben auf mich. 


im Hintergrund kann man schon die Roa-Scharte erkennen
(die Scharte direkt neben dem oberen Wegweiser)




Wir haben die Roa-Scharte schon fast überwunden;
 zwischen den Felsen kann man einen kleinen Pfad erkennen



Auch jetzt sehen wir schon unser nächstes Ziel, die Nives-Scharte, eine Art Klettersteig, die aber auch ohne Klettersteigset überwunden werden kann. Die Beschreibung im Wanderführer macht mir zuerst ein wenig Angst und ich spiele mit dem Gedanken die viel einfachere Umgehung zu nehmen, schließlich habe ich doch bisher so gar keine Erfahrung im Klettern! Die Neugierde treibt mich dann aber doch zur Nives-Scharte, Johanna macht mir Mut. Gestärkt mit einem Müsliriegel kommen wir über ein Steinfeld zum Einstieg in den Klettersteig. Über einen kurzen Kamin und eine Leiter geht es zum Teil mit einem Drahtseil versichert steil nach oben. Die 100 Höhenmeter der Nives-Scharte überwinden wir im Nu. Und nicht nur das, obwohl der Klettersteig sehr kräftezehrend ist, habe ich großen Spaß. Er ist eine kleine Herausforderung, was hauptsächlich an unseren großen Rucksäcken liegt, aber dennoch mit etwas Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten recht leicht zu bewältigen. Und nicht nur der Weg an sich ist ein Traum. Sobald man die Kletterei hinter sich gelassen hat, gelangt man auf das Plateau der Scharte mit einem grandiosen Rundumblick auf die umliegenden Berge. 

Nives-Scharte

das Plateau der Nives-Scharte (Rainer im Bild)

Der höchste Berg im Bild ist der Piz Boè. Zoomt man
ein wenig näher ran, kann man sogar die Hütte
Capana Fassa auf dem Gipfel erkennen.



Wir treffen Rainer, er sitzt schon seit 2 Stunden hier und kann sich kaum von der Aussicht losreißen. Er zeigt uns einen Berg in weiter Ferne. Wir können sogar die kleine Hütte, die direkt auf der Spitze des Berges thront, sehen. Es ist der Piz Boè, der höchste Punkt auf unserer Tour, den wir morgen besteigen werden. Die Vorfreude steigt.
Wenig später stoßen auch Denis, Hagen und Valentin zu uns. Gemeinsam steigen wir weiter ab zur Puezhütte. Schon von weitem sehen wir die vielen Menschen rund um die Hütte. Es geht eher zu wie an einem Badesee als an einer Berghütte. Auf der Wiese unterhalb der Hütte sonnen sich die Menschen und auf der Terrasse ist kaum noch Platz für uns. Die Menschen in der Puezhütte sind ziemlich unfreundlich zu uns. Wahrscheinlich sind sie nur gestresst von den extrem vielen Gästen, doch wir werden mit einer mürrischen Antwort erst mal wieder nach draußen geschickt. Wenig später kommen auch Thomas und Lea sowie Johanna und David an.
Foto von Rainer
Blick auf die Puez-Hütte

Foto von Rainer
...wir sind alle ein bisschen geschafft

Irgendwann ergattern wir dann doch noch Lagerplätze. Während Rainer in den regulären dreistöckigen Lagerbetten übernachtet, landen wir anderen im Notlager, einem kleinen Kabuff mit Mini-Betten. Obwohl ich nur ca. 1,69 Meter groß bin, schauen meine Füße ein gutes Stück unten raus. Doch das ist nicht alles: gegenüber unserer Matratzenreihe liegt eine weitere Reihe. Das führt letztendlich dazu, dass wir alle mit unserem Gegenüber in der Nach ein wenig füßeln müssen. Kein Problem, schließlich kennen wir uns ja alle. Nur Denis hat Pech. Seine „Füßel-Partnerin“ ist eine uns fremde Asiatin. Pech gehabt!
Die Puezhütte gefällt keinem von uns, nicht nur die Betten sind schlecht, auch das Abendessen ist fast schon empörend. Für den beachtlichen Preis, den die Hütte verlangt, bekommen wir erstaunlich kleine Portionen, die uns nicht wirklich sättigen. "Gar nicht mal so lecker", meint Valentin. 
Mit ein bisschen schlechter Laune gehen wir schließlich alle ins Bett und verbringen eine unruhige Nacht in dem beengten Zimmer.


Tag 17: Puezhütte – Riffugio Boè

Nach dem desaströsen Abendessen gestern verzichten wir auf das Frühstück der Puezhütte. Gemeinsam starten wir in den heutigen Tag und sind froh die Hütte endlich verlassen zu können. Mit der festen Überzeugung, dass wir direkt zum Grödner Joch absteigen, machen wir uns auf den Weg und sind erst mal reichlich verwundert als es anstatt bergab ein beachtliches Stück bergauf geht. Ein Blick auf das Höhenprofil des Wanderführers beruhigt uns aber. 


Der linkeste Gipfel der Berggruppe im Hintergrund ist der
Piz Boè, an dessen Fuß wir heute noch gelangen wollen.





Wir gönnen uns viele Pausen und lassen uns eine Menge Zeit. Der Abstieg zum Grödner Joch ist – wie auch die letzten Tage – von Touristen überfüllt und wir kommen in keinen richtigen Lauf-Rythmus. Bei „Jimmy's Hütte“ gönnen wir uns einen Kaffee. 10 Minuten später sind wir am tiefsten Punkt der heutigen Tour, auf 2125m angelangt. Wir machen wieder eine Pause, die vielen Menschen tragen nicht gerade zu einer besseren Laune bei. Über ein paar Geröllfelder und einige Abschnitte, die mit einem Stahlseil gesichert sind, gelangen wir schließlich zum Rifugio Piscadù. 
Denis und ich kraxeln am
Stahlseil entlang nach oben.

ganz klein sehen wir unten am Berg die Menschen


Blick zurück

Ich, Valentin, Hagen
Johanna, Denis

Auch hier herrscht Hochbetrieb; das hindert uns jedoch nicht daran erneut eine Pause einzulegen. Mit einem tollen Blick auf die Berge rings um uns essen wir ausgiebig zu Mittag. Es folgt der letzte große Aufstieg des heutigen Tages. Wir lassen die Tagestouristen hinter uns und kommen schnell zur höchsten Stelle des Traumpfades auf 2962m. Das Gefühl bis hierher gekommen zu sein ist einfach unglaublich und wir sind mächtig stolz auf uns. Mit der berauschenden Aussicht beobachten wir einige Gleitschirmflieger, Flugzeuge und einen Helikopter. Doch die 2962m sind uns nicht genug. Wir wollen morgen den Piz Boè besteigen und damit die 3000m-Marke knacken. Die Hütte Capana Fassa, die direkt auf dem Gipfel des Piz Boè thront verfügt nur über eine geringe Zahl an Betten. Im Gegensatz zu Rainer und Johanna waren wir anderen zu spät dran und konnten uns keinen Schlafplatz mehr reservieren. Also übernachten wir direkt am Fuße des Piz Boè im Rifugio Boè.Der Weg bis dorthin gleicht einer Mondlandschaft, ich fühle mich wie auf einem fremdem Planeten. Ein Stück weiter unterhalb von uns sehen wir verschiedene Muster und Mandalas, die jemand mit Steinen gelegt hat – magisch. 

Blick zurück zum Rifugio Piscadù

Wanderweg 666: na hoffentlich ist das kein schlechtes Omen

Gruppenfoto am bisher höchsten Punkt der Tour. Links im
Hintergrund sieht man den Piz Boè mit seiner Hütte Capana Fassa.
Ich, Denis, Johanna,
Valentin, Hagen

Steinmuster im Geröll

Der Piz Boè!

Um 16:15 erreichen wir endlich die Hütte. Da es auf ca. 2900m kein fließend Wasser gibt, fällt die Dusche heute für uns aus. Erwähnenswert ist außerdem, dass Trinkwasser auf dieser Höhe kostet und man deshalb am Vortag bereits einen Vorrat mitnehmen sollte. Hinterher ist man immer schlauer. In den knarzenden Hochbetten des Lagers schlafen wir alle sehr früh ein.


Tag 18: Riffugio Boè – Viel Dal Pan


Als Johanna und ich am nächsten Morgen aufwachen, sind wir leicht verwundert, dass Denis und Hagen noch in ihren Betten liegen. Schließlich wollten die beiden eigentlich mit Thomas, Lea und Valentin zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel des Piz Boè sein. Spontan haben sie es sich aber anders überlegt und starten so nur kurz vor Johanna und mir. Der Aufstieg ist recht einfach und wir holen die beiden kurz vor unserem ersten Zwischenziel, dem Gipfel, ein.

Der Blick zurück zum Rifugio Boè

das Gipfelkreuz des Piz Boè


Ich, Denis, Hagen
Johanna
wir sind mächtig stolz auf uns


Foto von Rainer
Unsere Wanderkollegen beim Sonnenaufgang auf dem Piz Boè

Auf 3152m trinken wir einen Milchkaffee. Es ist ziemlich kalt an diesem frühen Morgen, wir haben gerade mal halb neun. Zum ersten Mal auf der Tour ziehe ich meine Handschuhe an. Leider können wir dank des Wetters nicht sehr weit sehen, es ist extrem wolkig. Der Wind spornt uns an schnell wieder abzusteigen; es ist einer der wenigen Momente auf der gesamten Tour, an dem ich friere. Wir machen uns auf in Richtung Pordoi-Scharte. An der dortigen Hütte angekommen traue ich kaum meinen Augen. Ein kleines Schwein läuft fröhlich grunzend zwischen den Wanderern hin und her und sorgt mit seinem Gequieke für gute Laune bei uns. Wir steigen weiter ab, bis wir am Pordoi-Joch ankommen. Im Gegensatz zu den vielen Tagestouristen wandern wir über ein Geröllfeld ins Tal, anstatt die Seilbahn zu nehmen. Als wir von dort weiter in Richtung Viel dal Pan laufen, fängt es leicht an zu nieseln. Plötzlich hören wir gewaltige Donnerschläge, hinter uns türmt sich eine gewaltige schwarze Wolkenwand auf. Wir sind unsicher: Schaffen wir es noch rechtzeitig bis zur Hütte oder sollen wir lieber wieder umkehren und am Pordoi-Joch Schutz suchen? Der Donner wird immer lauter. Wir fangen an zu joggen, inzwischen sind wir klatsch-nass. Wer schon einmal versucht hat mit einem 55l-Rucksack mit ca. 12kg und zwei Stöcken in den Händen im Regen auf einem matschigen Wanderpfad zu rennen, der weiß wovon ich rede, wenn ich behaupte, dass das kein leichtes Unterfangen ist. Zahlreiche Wanderer kommen uns entgegen, auf dem Weg zurück in Tal. Weil wir keine Zeit mehr hatten unsere Regenjacken zu suchen, wird es schnell eiskalt. Erschöpft kommen wir endlich im Viel dal Pan an. Die Hütte ist extrem voll. Zum einen, weil es gerade erst halb eins am Mittag ist, zum anderen, weil die Menschen sich hier vor dem Gewitter versteckt haben. Als der Himmel langsam etwas klarer wird und es aufhört zu regnen, verschwinden nach und nach auch die Leute. Die Hütte ist wie gemacht für einen Tag wie diesen. Das „Lager“ stellt sich als ein Zimmer mit 8 Betten heraus und ist im Gegensatz zu vielen bisherigen Hütten fast schon luxuriös. Das Beste allerdings ist die kostenlose heiße Dusche, die wir ausgiebig genießen. Den Rest des Tages verbringen wir mit Wäsche waschen und relaxen. Und am späten Nachmittag gibt es sogar einen kleinen Regenbogen über dem Lago di Fedaia, den wir schon in der Ferne sehen. 


Tag 19: Viel Dal Pan – Tissi Hütte


Mit grummelndem Magen laufen wir am nächsten Morgen am Buffet unserer Unterkunft vorbei bis zum Lago di Fedaia. Der Wanderführer sieht eigentlich vor, dass man von Viel Dal Pan bis nach Alleghe wandert und am nächsten Tag weiter zur Tissi Hütte. Um einen Tag zu sparen, fahren wir mit dem Bus nach Alleghe. Diese Entscheidung haben wir bereits zuhause getroffen, nicht zuletzt, weil die Beschreibung der Strecke zwischen Lago di Fedaia und Alleghe nicht besonders reizvoll klingt.
Der Himmel ist stark bewölkt, wir rechnen mit einem Gewitter am Nachmittag. Von hier aus sieht man bereits die Marmolada, höchster Berg und somit Königin der Dolomiten.
Leider bringt es uns nicht viel, dass wir bereits so früh am Lago die Fedaia ankommen, der nächste Bus fährt erst in zwei Stunden und so beschließen wir eine Heiße Schokolade zu trinken. Wenig später geht die Tür der Café-Bar auf und Familie Griesgram kommt herein. Sie erzählen, dass sie hier am Lago einen Tag Pause machen wollen, bevor sie den Rest der Reise wagen. 
Schon am Morgen ist der Himmel Wolkenverhangen

Leicht versteckt hinter dem Hügel erkennt man den Lago di Fedaia.

Nachdem wir uns verabschiedet haben, kommt auch endlich der Bus in Richtung Alleghe. Gabriele, ein netter deutsch-sprechender Italiener, der bereits in der vergangenen Nacht im gleichen Lager wie wir geschlafen hat, organisiert, dass unser Bus nicht nur bis Caprile, dem ursprünglichen Ziel, sondern bis 2km vor Alleghe fährt. Ich genieße es richtig, im Bus zu sitzen. Erst, wenn man so lange zu Fuß unterwegs ist, lernt man die Geschwindigkeit eines Fahrzeugs zu schätzen.
Der Supermarkt in Alleghe ist für deutsche Verhältnisse eher mäßig bestückt. Vor allem auf der Suche nach geeignetem Brot (am liebsten Vollkornbrot) scheitern wir seit wir in Italien sind regelmäßig. Es ist erst 20 Minuten vor 12, aber Johanna und ich haben einen Bären-Hunger, schließlich hatten wir heute morgen kein richtiges Frühstück. Letztendlich landen wir in einer Pizzeria in Alleghe.
Von dort aus fahren wir mit der Seilbahn zum Col dei Baldi, eine Entscheidung, die ich am Abend stark bereue – mehr dazu später. Während der Wanderführer von einer Gondel und einem Sessellift spricht, halten wir vergeblich nach den Sesseln Ausschau. Stattdessen finden wir eine nagelneue zweite Gondelbahn vor, die uns den restlichen Weg nach oben bringt. Den Weg von der Gondelstation bis zur Tissi Hütte habe ich später kaum noch in Erinnerung. Es ist für den Nachmittag ein starkes Gewitter angesagt und Johanna legt ein höllisches Tempo vor, um so schnell wie möglich anzukommen. Meine Laune wird immer schlechter, viel lieber würde ich beeindruckende Steilwand, die sich links über uns auftürmt, genießen. Doch mein Blick richtet sich nur auf den Boden direkt vor meinen Füßen und mit Müh' und Not komme ich Johanna hinterher. Zu allem Überfluss fängt meine rechte Kniekehle an zu schmerzen, sodass ich jeden Schritt spüre. Das letzte Stück des Weges legen wir gemeinsam mit Gabriele, dem Italiener von heute morgen zurück. Endlich ist es geschafft, um 15:30 erreichen wir die Tissi Hütte. Die Dusche kostet hier stattliche 5 Euro. Wir beschließen lieber zu stinken. Den Rest des Mittags warten wir auf Denis und Hagen. Die beiden hatten heute Großes vor. Ebenso wie wir, wollten sie vom Viel Dal Pan direkt zur Tissi Hütte, im Gegensatz zu uns aber ohne Bus und Seilbahn. Sichtlich erschöpft kommen sie recht spät an der Hütte an. Kurz vorher treffen auch Lea, Thomas und Valentin ein. Sie haben nicht am Viel Dal Pan übernachtet, sondern sind gestern direkt weiter bis nach Alleghe gewandert. Von dort ging es dann, ebenfalls ohne Seilbahn, zur Tissi Hütte. Im Nachhinein erscheint mir diese Variante als die sinnvollste. Alle fünf erzählen von einem scheinbar grandiosen Aufstieg hierher. Es gibt drei Varianten, um zu Fuß zur Tissi Hütte zu gelangen. Zwei davon werden im Wanderführer genannt, eine leichte und eine anspruchsvollere. Unsere Wanderkollegen haben natürlich die Schwierigere gewählt und sind von dieser Strecke sehr begeistert.
Den Großteil des Abends verbringen wir alle draußen. Hinter der Tissi Hütte gibt es einen kleinen Hügel mit einem Gipfelkreuz. Der Blick in den Abgrund offenbart eine großartige Sicht auf ganz Alleghe. Der Wind trägt einige Fetzen Party-Musik zu uns, nicht gerade passend zu meine Stimmung.
Unser Zimmer teilen Johanna und ich heute mit Denis und Hagen. Der Gestank von uns vier ungeduschten Wanderern in diesem kleinen Raum ist kaum auszuhalten. Trotzdem schaffen wir es irgendwie einzuschlafen.


Tag 20: Tissi Hütte – Passo Duran


Da das Frühstück in der Tissi Hütte ganze 10 Euro kostet und wir davon ausgehen, dass es nicht sonderlich reichhaltig ausfallen wird, essen wir mal wieder uns eigenes Brot, das eher einem Toastbrot ähnelt als einem richtigen Frühstück. Die Hüttenwirtin scheint ein wenig Mitleid mit uns zu haben. Sie bringt uns eine heiße Tasse Kaffee nach draußen – eine nette Geste! Noch immer hungrig gehen wir an diesem Morgen los. 



Auch der heutige Tag präsentiert sich uns wolkenverhangen.

Wir durchqueren eine wunderschöne, menschenleere Gegend mit schönen Wegen. Dank des Regens gestern Nacht und der letzten Tage fühlt es sich aber eher an wie Watt-Wandern. Unser Tempo ist zwar zügig, aber dennoch angenehm. Kein Vergleich zu gestern! Die Strecke hat etwas merkwürdiges, jedes Mal, wenn man einen Hügel erklommen hat und denkt man sei endlich oben angekommen, kommt aus dem Nichts eine neue Steigung. Durch einen Wald, über ein Geröllfeld und zahlreiche Kuhwiesen gelangen wir schließlich zum vorläufig höchsten Punkt heute, der Forcella del Camp. Weil wir schon um 7:15 aufgebrochen sind, machen wir erst hier unsere erste Pause. Valentin ist immer in Sichtweite zu uns, zieht aber zum Großteil sein eigenes Ding durch. Die anderen wollte erst später los und sind deshalb noch ein gutes Stück hinter uns. Im Rifugio Bruto Carestiato legen wir die nächste Pause ein. 

Wir haben immer noch Hunger und essen deshalb einen Apfelstrudel. In weiteren 45 Minuten sind wir endlich am Passo Duran und checken in unserer dortigen Unterkunft, dem San Sebastiano, ein. Kaum angekommen fängt es an wie aus Kübeln zu gießen. Ein Glück, dass wir so früh los sind. Wenig später kommen auch Denis und Hagen völlig durchnässt an. Auch Valentin, Lea, Thomas, Rainer, Johanna und David sind heute hier und so sind wir das erste Mal seit Tagen wieder alle zusammen auf derselben Hütte. Es wird ein netter Abend. Mitten in der Gaststube steht ein offener Kamin, der eine gemütliche Stimmung verbreitet. Geschichten und Erlebnisse der letzten Tage werden ausgetauscht, es wird viel gelacht. Vom Essen sind wir nicht so begeistert, es ist relativ teuer und die Portionen sind nicht allzu groß. Doch Benjamino, der Hüttenwirt kompensiert diesen Mangel durch seine Freundlichkeit. Zudem spricht er sehr gut deutsch, was die Kommunikation erheblich erleichtert. Auch seinen 91-jährigen Vater lernen wir kennen. Ein toller Abend!
Blick vom San Sebastiano
auf eine kleine Kapelle.

Foto von Rainer
Der offene Kamin im San Sebastiano
sorgt für eine wohlige Atmosphäre.

Foto von Rainer
Johanna und die anderen trällern abends noch ein paar Liedchen


Tag 21: Passo Duran – Pian de Fontana


Das Frühstück im San Sebastiano ist um Längen besser als das Abendessen gestern. Auf dem Tisch türmen sich Berge von Obst, Brot, Wurst und Käse. Trotzdem schaffen wir es tatsächlich den kompletten Tisch zu leeren, unser ständiger Hunger ist fast schon peinlich.
Draußen ist es kalt und es regnet. So ziehe ich heute meine komplette Regenmontur mit Regenhose und -jacke an. Von weitem sehen wir aus wie eine Kamel-Karawane. Vor allem Denis, der seinen Regenponcho über seinen Rucksack gezogen hat, sorgt mit seinem Aussehen für einige Lacher.
Wir laufen zuerst über eine Passstraße und biegen wenig später in den Wald ab. Von hier aus geht es stetig bergauf. Wir machen einen kleinen Abstecher zum Rifugio Sommariva Pramperet. Dort werden wir von drei sehr entspannten jungen Männern bedient. Doch bevor wir zu Mittag essen, entledigen wir uns erst noch unseren nassen Klamotten, trotz Regenhose und -jacke bin ich nass bis auf die Haut. Während es von außen definitiv der Regen war, habe ich von innen extrem geschwitzt – igitt!











ein ungewöhnliches Gipfelkreuz


Johanna und ich stehen vor einer Entscheidung. Johannas Oberschenkel schmerzt so sehr, dass sie sich nicht sicher ist, ob sie es bis zum Pian de Fontana durchhält. Die Alternative wäre, direkt vom Rifugio Pramperet abzusteigen und mit dem Bus nach Belluno zu fahren. Schließlich entscheidet Johanna sich zum Weitermarsch, sie ist sich sicher, dass sie bis heute Abend durchhält. Lea und Thomas hingegen bleiben spontan auf der Hütte und übernachten dort. 
Nach einem Anstieg über einen sehr schönen Weg, müssen wir 800hm am Stück absteigen. Der kleine Trampelpfad wird gegen Ende so steil, dass es mich gleich zwei Mal auf den Hosenboden legt. Auch den anderen geht es nicht besser. Das Rifugio Pian de Fontana, bei uns nur „Rif. Pain“ genannt, ist mit seinem Kamin sehr gemütlich. Die kalte Dusche ist umsonst und auch das Essen schmeckt sehr gut. Bis auf Thomas und Lea sind wir am Abend alle in der Gaststube versammelt und versuchen dort unsere nassen Schuhe und Klamotten zu trocknen.


Tag 22: Pian de Fontana – Belluno


Die eigentliche Strecke des Traumpfads erreicht am heutigen Tag ihren Höhepunkt: die Schiara. Nur über einen Klettersteig kann man dieses gewaltige Massiv bewältigen. Während Johanna eine erfahrene Kletterin ist und sogar schon eigene Jugendgruppen geleitet hat, bin ich eine blutige Anfängerin. So ist es von Anfang an klar, dass dieser Teil des Weges für mich keine Option ist. Auch Denis, Hagen und Valentin schließen sich uns an. Gemeinsam möchten wir ins Tal absteigen und von dort mit dem Bus nach Belluno fahren. Für Denis und Hagen ist diese Entscheidung nicht so leicht, bisher haben sie jeden einzelnen Meter des Traumpfades zu Fuß zurückgelegt. David, der einzige unserer Gruppe, der ein Klettersteigset dabei hat, wagt den Klettersteig, heute morgen scheint die Sonne noch vielversprechend. Rainer und Johanna hingegen möchten eine Ost-Umgehung versuchen. Diese Variante ist im Wanderführer nicht beschrieben und wird den beiden von den hilfsbereiten Hüttenwirten erklärt. Da wir unsere Unterkunft in Belluno schon gebucht haben, können wir uns ihnen nicht anschließen, da wir dadurch einen ganzen Tag verlieren würden.
Vom Rifugio Pian de Fontana steigen wir ein kleines Stück ab. Es folgt ein kurzer Anstieg. 


ein wunderschöner Morgen

Denis (links) und Valentin (rechts) vor dem Pian de Fontana



ich

Hagen

Wir erreichen das Rifugio Bianchet und legen noch einmal eine Pause ein. Auf dem langen Abstieg zur Bushaltestelle rennen Johanna, Valentin und Denis voraus. Hagen und ich trödeln hinterher, wir sehen keinen Grund zur Eile. Weil die anderen so schnell unterwegs waren, müssen wir leider ganze 1,5 Stunden auf den Dolomiti-Bus warten. Während Johanna und ich gemeinsam mit Denis und Hagen eine kleine Wohnung in einem B&B (Centro Storico) gebucht haben, steht Valentin bis jetzt noch ohne Bleibe da. Die ersten Versuche, sich zu uns „dazu zu buchen“ scheitern aufgrund sprachlicher Differenzen. Schließlich gelingt es Valentin aber, der Dame am Telefon verständlich zu machen, dass es für uns alle in Ordnung wäre, wenn er auch bei uns schläft.

Endlich kommt unser Bus nach Belluno. Vom Busbahnhof suchen wir unser B&B, es ist eine schöne Wohnung, die oft von Traumpfad-Wanderen genutzt wird. Und eines gefällt uns ganz besonders: die Dusche ist wahrlich grandios! 
Den Nachmittag vertrödeln wir mit Essen kaufen. Heimlich kaufen Johanna und ich noch kleine Kuchenkerzen und Wunderkerzen, schließlich wird Valentin in ein paar Tagen 18 Jahre alt, das muss gefeiert werden! 
Denis, Valentin und Hagen auf der Terrasse unseres B&B

Am Abend landen wir auf einigen Umwegen durch Zufall in einer extrem leckeren Pizzeria. Ich lüge nicht, wenn ich behaupte, dass ich dort die beste Pizza meines Lebens gegessen habe. Zufällig treffen wir in dem Restaurant auf zwei Paare, die wir bereits am Anfang unserer Wanderung kennen gelernt, danach aber aus den Augen verloren haben. Auf dem Weg zu unserer Unterkunft fängt es an stark zu regnen. Wieder zurück in unserer Unterkunft lassen wir den Abend gemütlich mit Chips und Gösser-Radler in unseren Betten ausklingen, es gibt wie immer viel zu quatschen.



Tag 23: Belluno – Col Visentin


Das Frühstück ist für italienische Verhältnisse recht gut, die Dame des Hauses kümmert sich sehr um uns. Sie erzählt uns außerdem, dass es gestern Abend ein kleines Erdbeben rund um Belluno gab – wir haben davon jedoch nichts gemerkt, weil wir hauptsächlich auf das Gewitter am Abend konzentriert waren. 

Das erste Stück in Belluno sind wir noch ein wenig orientierungslos und so laufen wir ein gutes Stück auf der Straße, bevor wir wieder auf den richtigen Weg kommen. Was jetzt folgt ist eine Qual. 1600hm Anstieg am Stück, verteilt auf knapp 17km. Durch einige Vororte von Belluno, die übrigens sehr gut ausgeschildert sind mit zahlreichen „München-Venedig-Pfeilen“, kommen wir schließlich in einen Wald. Dort ist es so extrem neblig, dass mein Brille die ganze Zeit beschlägt. 
Ich überquere einen kleinen Bachlauf (rechts im Bild) und
rutsche nur Sekunden nachdem Johanna auf den Auslöser
 gedrückt hat aus, sodass ich fast im Wasser lande.

Hagen (links) checkt den weitere Wegverlauf im Wanderführer.

Durch die dicke Wolkendecke können wir kaum etwas außerhalb eines Radius von 10m erkennen. Wir kommen an einen Parkplatz mit Supermarkt – gerade noch rechtzeitig. Wenige Minuten nachdem wir den Supermarkt verlassen haben, schließt er bereits für einige Stunden. Es fängt an zu regnen und so suchen wir Schutz unter einem Vordach. Eine Weile lungern wir dort unterm Dach, in der Hoffnung, dass der Regen endlich aufhört. Leider hat der aber ganz anderes im Sinn und so beschließen wir im Regen weiterzuwandern. Scheinbar endlos geht es den Berg hinauf. Vorbei an einer riesigen Schafherde kommen wir schließlich an den finalen Grashang, kurz vor dem Col Visentin. 
am liebsten würde ich eines der Schafe mitnehmen!

Das erste Stück des Grashangs haben wir bereits geschafft.
 Die Wolkenschicht verdeckt den Blick auf Belluno.

Durch den Nebel sehen wir bald Teile der Antennenmasten, für die der Col Visentin bekannt ist. Doch jedes Mal, wenn wir glauben, kurz vor dem Ziel zu sein, verschwinden die Masten wie eine Fata Morgana wieder im Nebel. Nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit kommen wir endlich an der Unterkunft für den heutigen Tag an. Es ist arschkalt hier oben. Als wir nach einem Lagerplatz fragen, bekommen wir vom Wirt nur unverständliches Gemurmel zu hören. Irgendwann verstehen wir was er sagt: er müsse das Lager erst noch aufbauen. Wir sind ein wenig verwundert, warten aber brav in der Gaststube auf unsere Betten. 

Die Hütte auf dem Col Visentin verschwindet immer wieder im Nebel.

Die Schreibweise von Jägermeister ('Yeghermaister') amüsiert uns.

So ganz glücklich sind wir aber mit unserem Lager nicht. Der Raum im Keller, der für uns hergerichtet wurde, stinkt extrem nach Schimmel und es ist ziemlich kalt. Mit meinem Handtuch decke ich das Kissen ab, auch die Decken stinken und haben ekelerregende Flecken. Das Essen hingegen schmeckt hier sehr gut, meine Polenta mit Käse ist außerdem sehr preiswert. Valentin spielt an diesem Abend noch Gitarre für uns. Wir lernen zwei andere Gruppen kennen, die den Traumpfad wie wir von Anfang an gegangen sind, aber einige Tage vor uns gestartet sind. Und plötzlich bin ich ganz schön froh über unsere Wanderkollegen Denis, Hagen und Valentin, es hätte uns definitiv schlechter treffen können. Denn die anderen beiden Gruppen nerven uns sowohl mit ihrem Gerede, als auch mit ihrer ganzen Art.

Draußen vor der Hütte hingegen bietet sich uns ein spektakulärer Ausblick, man sieht alle Lichter der venezianischen Ebene – ein magischer Anblick, für den es sich lohnt diesen Berg zu erklimmen!

Tag 24: Col Visentin – Le Noci


Die Nacht war kurz, in den schimmligen Betten konnten wir kaum schlafen. Wir essen unserer eigenen Lebensmittel. Unser erstes Ziel ist es, weg von diesem Haus zu kommen. Jetzt, bei Tageslicht, können wir vom Col Visentin die komplette venezianische Ebene überblicken, bis zum Meer. Wahnsinn! Auf dem Fahrweg machen wir uns auf den Weg nach unten ins Tal. 
Der Blick vom Col Visentin in Richtung Venedig.



  


Die 1600hm, die wir gestern aufgestiegen sind, müssen wir heute wieder absteigen. Wir kommen an einem Pick-Up vorbei, an dem einige Esel stehen. Unter ihnen sind auch ein paar wahnsinnig süße Eselfohlen. Sie sind aber recht scheu. Wir laufen auf einem Kamm entlang. Ein Blick zurück bietet uns eine grandiose Sicht zurück auf die Dolomiten. Wir haben die Berge also endgültig hinter uns gelassen. Eine Wolkenschicht verdeckt die Sicht ins Tal. Es sieht aus wie auf einem Plakat. Irgendwann landen wir auf einer Wiese ohne Weg. Wir haben keine Ahnung, wo es hin geht und auch unsere beiden Wanderführer geben keine Auskunft darüber. Ein Stück unterhalb von uns entdecken wir eine Straße. Wir kriechen unter einem Zaun durch und folgen ihr abwärts ins Tal. 
ein wogendes Meer aus Gräsern und Sträuchern...

...und ein Bambus-Wald

Anstatt in Revine kommen wir aber in Longhere raus. Irgendwo auf dem Weg haben wir also eine Abzweigung verpasst. Wahrscheinlich sind wir knapp über 6km Umweg gelaufen. Wir sind krass am Ende, das stundenlange Bergab-laufen war extrem anstrengend. Kurz vor Revine machen wir dann an einem großen Supermarkt halt. Von dort aus brauchen wir noch drei Stunden bis zu unserer heutigen Unterkunft, dem Le Noci. Ziemlich müde kommen wir dort um 16.00 Uhr an. Die Unterkunft ist wunderschön, vor allem nach so einem Erlebnis wie auf dem Col Visentin. Mit selbstgemachtem Prosecco sitzen wir bis Abends zusammen. Das Le Noci ist bekannt für seine regionalen und meist sogar selbstgemachten Produkte. Deshalb haben wir uns für eine Halbpension entschieden. Die 45 Euro sind mehr als gerechtfertigt. Unser 4er-Zimmer, das wir uns mit Denis und Hagen teilen, ist sehr schön und groß. Vor allem die Dusche mit ihren extra Rücken-Massage-Strahlern hat es uns angetan. Valentin ist in einem 6er-Zimmer mit anderen Wanderern untergekommen. Das Abendessen ist der helle Wahnsinn. Ich liebe Nudeln, aber bislang hatte ich keine Ahnung, dass Tagliatelle so gut schmecken kann. Zu den selbstgemachten Nudeln gibt es außerdem 3 verschiedene Fleischsorten von den eigenen Tieren und einen leckeren Salat. Draußen vor der Unterkunft tummeln sich zahlreiche Tiere: ein paar Esel, Schafe und sogar ein Pony. Das einzige, was am heutigen Abend nicht perfekt ist, sind meine Waden. Die brennen ziemlich vom Abstieg heute.


Irgendwo muss man seine Klamotten ja trocknen.
In diesem Fall muss die Lampen-Halterung herhalten.




Tag 25: Le Noci – Colfosco


Als ich am nächsten Morgen aufstehe, kann ich mich kaum auf den Beinen halten. Aus meinen Waden zieht ein grässlicher Schmerz durch das ganze Bein. Man mag es kaum glauben, aber an diesem 25. Tag der Tour habe ich tatsächlich zum ersten Mal Muskelkater – erstaunlich!
Das Frühstück schmeckt, wie nicht anders zu erwarten, sehr lecker. Nachdem wir noch ein Gruppenfoto mit der Dame des Hauses gemacht haben (das sei bei ihr so Tradition), machen wir uns auf den Weg. 

Gruppenfoto mit der Chefin des "Le Noci" (links)


das "Le Noci"


Durch knöcheltiefen Schlamm wandern wir los in Richtung Colfosco. Nicht auszurutschen ist in diesem Matsch kaum möglich. Der Weg ist nicht sehr abwechslungsreich. Auf einem Kiesweg geht es zuerst ein Stück durch den Wald, später laufen wir auf der Straße entlang.



Wir kommen durch diverse Ortschaften, bis wir letztendlich in Colfosoco landen. Colfosco liegt kurz vor dem Tagesziel unseres Wanderführers, Ponte della Priulà. Über die Internet-Seite Air B&B hat Denis für uns fünf eine Wohnung gefunden. Für nur 19 Euro pro Person haben wir an diesem Abend eine komplette Wohnung mit mehreren Schlafzimmern für uns allein. Zwar müssen wir kurz warten, bis wir den Besitzer erreichen können, aber die Übergabe klappt problemlos. Die Wohnung hat insgesamt drei Stockwerke und die Küche ist sehr modern. Im Kühlschrank wartet eine Flasche Prosecco zur Begrüßung auf uns. Direkt neben der Wohnung befindet sich ein Supermarkt, sowie eine Apotheke und ein Geldautomat – perfekt. Wir gehen einkaufen, heute Abend wollen wir uns ein richtig leckeres Essen kochen. Es gibt Nudeln und dazu eine Carbonarasoße und eine Tomatensoße. Wunderbar satt schlafe ich seit Wochen mal wieder alleine in einem Zimmer. Ein komisches Gefühl.
Ein voller Kühlschrank - für gerademal
einen Abend und einen Morgen!

Johanna, Valentin und Denis zaubern ein Abendessen



Unsere Unterkunft bietet außerdem einen Traum in rosa.
Johanna hat die Ehre in diesem Zimmer zu übernachten.


Tag 26, 27: Colfosco – Bocca Callalta – Jesolo


Über die nächsten drei Tage gibt es nicht sehr viel zu berichten. Die wirklich schönen Wanderwege haben wir bereits hinter uns gelassen. Jetzt geht es vielmehr darum, noch bis nach Venedig zu kommen und den Weg zu beenden. Auf komplett ebener Strecke laufen wir an Tag 26 bis nach Bocca Callalta, immer in der Nähe des Piave, einem großen Fluss.
Über die Unterkunft dort gibt es nicht viel zu sagen. Johanna und ich schlafen gemeinsam mit Valentin in einem 3er-Zimmer, Denis und Hagen teilen sich ein Doppelzimmer. Ca eine dreiviertel Stunde vor unserer Unterkunft haben wir Johanna wiedergetroffen. Weil sie den Klettersteig der Schiara zu Fuß umgangen ist, hing sie einen Tag hinter uns zurück. Um diesen Rückstand wieder aufzuholen ist sie an einem einzigen Tag auf den Col Visentin rauf und runter gelaufen. Ich weiß nicht genau, wie sie das geschafft hat, Respekt dafür!

Der nächste Tag ist ein ganz besonderer für Valentin. Er wird heute 18. Bereits in Belluno haben Johanna und ich Kerzen gekauft. Beim Frühstück bringt die Kellnerin ein Stück Kuchen für Valentin, der sich natürlich riesig freut.
Hagen, David, Denis, Valentin, ich und Johanna
(hinter der Kamera) feiern Valentins 18er.


Schnurgerade und ohne Abwechslung ist
der komplette Weg an  Tag 26 und 27.



Der Weg bis nach Jesolo ist mühsam und mehr Qual als Vergnügen. Allein die Vorstellung morgen endlich anzukommen treibt meine Beine an. In Jesolo selbst übernachten wir in einem kleinen Hotel. Abends gehen wir in eine Pizzeria. Wir werden leicht komisch beäugt in unseren nicht wirklich stadt-tauglichen Klamotten.


Tag 28: Jesolo – Venedig


Die Freude ist groß als wir am nächsten Tag, unserem letzten Wandertag, in Cavallino endlich ans Meer kommen. Ich kann es kaum fassen, dass ich es wirklich bis hierher geschafft habe und auch Denis, Hagen, Johanna, Valentin und Johanna sind überglücklich.

Schon am frühen Morgen in Jesolo regnet es.



ohne Worte


Wir gehen baden, das Gefühl der Schwerelosigkeit im Wasser ist für unsere müden Glieder fantastisch. Plötzlich fängt es an zu regnen. Während fast alle Badeurlauber das Weite suchen, genießen wir weiter unser Bad im Meer, der Regen stört uns nicht. Ein kleines Stück laufen wir am Strand entlang. Mit unseren schweren Rucksäcken sinken wir immer wieder im Sand ein und kommen deshalb nur langsam voran. Aber nichts kann unsere Laune noch trüben. 


Über einen Campingplatz kommen wir zurück auf die Straße. Zuvor aber kaufen wir noch auf dem Campingplatz einige Lebensmittel ein. Ein deutscher Urlauber spricht uns auf unsere Bergschuhe an und wundert sich, wo man denn hier am Meer wandern will. Als wir ihm erzählen, dass wir in München losgelaufen sind, tut er dies mit einem ungläubigen Lächeln ab. „Ja, klar“, sagt er kopfschüttelnd. Während Johanna (also nicht „meine Johanna“ - Gott, ist das kompliziert!) und die Jungs noch ein bisschen Pause machen, gehen Johanna und ich schon weiter in Richtung Punta Sabbioni. Wir sind sowieso ein bisschen langsamer als die anderen und haben so einen kleinen Vorsprung. Die schnurgerade Straße bis zur Fähre zieht sich ungemein. Es ist ein komisches Gefühl, vor einigen Jahren war ich mit meine Familie genau in dieser Gegend im Urlaub, jetzt fühle ich mich fehl am Platz. Die Touristen beäugen uns argwöhnisch, mit unseren riesigen Rucksäcken passen wir nicht zwischen die ganzen Strandkleider und Badeshorts. Bald werden wir von Valentin eingeholt und wenig später erreichen wir die Fähre. Von hier aus ist es nur noch ein Katzensprung nach Venedig. Gemeinsam mit den anderen, die in der Zwischenzeit zu uns gestoßen sind, wagen wir uns auf das Boot, das uns gemeinsam mit anderen Touristen übersetzen soll. 

Mit strahlenden Gesichtern legen wir schließlich in Venedig an. Vom Anlegeplatz machen wir uns auf in Richtung Markusplatz, schließlich heißt die Tour nicht umsonst „vom Marienplatz bis zum Markusplatz“. Und dann sind wir da, endlich! Aber ein richtiges Hochgefühl will sich bei mir nicht einstellen. Das soll es etwa gewesen sein? Ich bin überfordert mit den vielen Menschen hier auf dem Markusplatz, kann mich nicht so richtig freuen. Plötzlich spricht mich aber eine deutsche Familie an. Sie haben bereits vom Traumpfad gehört und sind begeistert, dass wir es tatsächlich geschafft haben. Und dann kommt auch bei mir Freude auf.






Wir trennen uns von Johanna, die in einer anderen Unterkunft wohnen wird und auch Denis und Hagen machen sich auf zu ihrem Hotel. Valentin, Johanna und ich sind in einem 3er Zimmer in einem kleinen Hotel. In den zahlreichen kleinen Gassen sind wir froh an Johannas Handy und Google Maps, nie im Leben hätten wir unser Hotel ohne das liebe Internet gefunden.

Am späten Nachmittag treffen wir uns wieder mit der gesamten Gruppe. Die meisten Touristen haben Venedig inzwischen wieder verlassen und wir haben endlich unsere Ruhe. Abends gehen wir noch gemütlich zusammen zum Essen.


kleine Bar mit großem Andrang




Tag 29,30: Venedig – München – Nachhause


Den kompletten Vormittag und Mittag bummeln wir durch die Gassen Venedigs. Allerdings ist jetzt, Ende August, Hochsaison und mit meinem Rucksack kann ich mir kaum einen Weg durch die Menschenmassen bahnen. Es ist beinahe anstrengender als die zahlreichen Wandertage, die wir nun hinter uns haben.


ein ganz besonderes Büchergeschäft 

Bereits am Vormittag müssen wir uns von Valentin verabschieden, der mit dem Zug zurück nachhause fährt. Am frühen Nachmittag machen Johanna und ich uns ebenfalls auf den Weg. Wir werden mit dem Fernbus nach München zurück fahren, für uns die günstigste Variante. Für 25 Euro kommen wir auf bequeme Art und Weise zurück nach Deutschland. Allerdings müssen wir ca 3,5 Stunden am Bahnhof in München überbrücken, bevor unser Zug nachts um halb vier zurück in die Heimat fährt. Diese paar Stunden nachts am Bahnhof sind der absolute Horror. Zwielichte Gestalten schleichen ständig um uns herum und Johanna und ich fühlen uns nicht nur einmal ein bisschen bedrängt. Deshalb sind wir froh, als wir endlich in unseren Zug einsteigen können.
An Tag 30 meiner Reise stehe ich morgens um 6 Uhr wieder vor unserer Haustür.
Ich hab's geschafft!

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